Sa, 27. August 2016 | 10:18:56 Uhr

Nationale Lösungen auf dem Abstellgleis
DVGW-Zeichen vor dem Aus?

News vom 23.03.2016

Sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Seite ist für die Sanitärarmaturenhersteller einiges in Bewegung. Der Fahrplan erscheint unübersichtlich, fest steht jedoch: Der Zug fährt zunehmend in Richtung Europa, nationale Lösungen stehen über kurz oder lang auf dem Abstellgleis. Darunter könnte auf Sicht auch das renommierte DVGW-Zeichen leiden, obwohl es bei Handwerkern und Planern eine hohe Akzeptanz genießt. Dieser Meinung ist jedenfalls Dirk Lückemann, Stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sanitärarmaturenindustrie, kurz AGSI.

Das DVGW-Zeichen genießt bei Handwerkern und Planern eine hohe Akzeptanz. Grafik: AGSI
 Das DVGW-Zeichen genießt bei Handwerkern und Planern eine hohe Akzeptanz. Grafik: AGSI
Warum Abstellgleis? Lückemann begründet dies mit dem im Jahre 2013 ergangenen „DVGW-frabo-Urteil“ des Oberlandesgerichtes Düsseldorf. Hintergrund: Der italienische Pressfittinghersteller wollte seine Produkte weiter mit dem renommierten deutschen Testat vermarkten, obwohl sie die dafür geltenden und inzwischen weiter verschärften Anforderungen nicht mehr voll erfüllten. Das Unternehmen berief sich in seiner Klage auf den Grundsatz der Warenverkehrsfreiheit in der EU. Das Gericht folgte der Auffassung und rückte damit den vom DVGW betonten Gesundheitsschutz ins zweite Glied.

Diese Entwicklung erfordert aus Sicht der Sanitärarmaturenindustrie die Harmonisierung europäischer Trinkwasserstandards. Die AGSI setze sich deshalb dafür ein, plädiere aber gleichzeitig für die Beibehaltung des hohen deutschen Trinkwasser-Schutzniveaus und seine Verankerung innerhalb der EU. Man wisse jedoch, dass es sich dabei um ein keineswegs einfach zu erreichendes „Maximalziel“ handele.

Außerdem fehle ein europaweit einheitliches Zertifizierungssystem. Gegenwärtig dominiere eine landesspezifische Praxis, die eine gegenseitige Anerkennung meist nicht vorsehe. Konsequenz: Um Zertifikate und Zulassungen für die einzelnen Märkte zu erhalten, müssen sich die gleichen Produkte jeweils einer neuen Prüfung unterziehen. Die daraus für die Industrie resultierenden Mehrkosten bezifferte Lückemann auf mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr. Höhere Produktsicherheit sei damit nicht verbunden.

DVGW steht für Sicherheit und Gewährleistung
Sicherheit und Gewährleistung seien im Übrigen die wesentlichen Argumente für das DVGW-Zeichen. Das habe Ende 2014 eine von der AGSI initiierte Umfrage bei 500 Handwerkern und Planern ergeben. 96 Prozent von ihnen stuften danach die DVGW-Zertifizierung von Produkten als „sehr wichtig“ beziehungsweise „wichtig“ ein. Das betreffe die Einsatzgebiete „Vor der Wand“ und „Hinter der Wand“ gleichermaßen. Ein eventueller Wegfall des etablierten Zeichens habe daher für die Hersteller ebenso erhebliche Auswirkungen wie für deren Abnehmer und hier vor allem das Handwerk.

Auch die ständig wachsende Zahl sogenannter Klassifizierungssysteme erfordere europaweit einheitliche Lösungen. Sie müssten einerseits der Öko-Designrichtlinie entsprechen, mit der die EU-Kommission energieeffiziente Produkte im Visier habe. Bei der Klassifizierung wasserführender Armaturen etwa gelte es, neben dem Durchfluss weitere Kriterien wie Temperatur und Hygiene zu berücksichtigen. Andererseits solle sich ein harmonisiertes System streng an den jeweils relevanten EN-Normen orientieren. Generell verfolge die Industrie bei der Klassifizierung ein klares Prinzip. Es laute: „Selbst regeln, bevor man geregelt wird.“

Trotz aktueller nationaler Alleingänge etwa in der Flüchtlingskrise stehe fest, dass Europa immer mehr zusammenwachse. Das erhöhe auch den Druck, unterschiedliche Normen und Standards zu harmonisieren. Das zeige nicht zuletzt die Diskussion über die Novellierung der Trinkwasserrichtlinie. Für Lückemann ist deshalb klar, dass „der Zug nach Europa nicht ohne uns abfahren darf“.