Job-Faktor
BauherrPro Neubauwohnung vier neue Arbeitsplätze
Der
Eigenheimbau ist ein wichtiger Beschäftigungsmotor, rechnet die Bausparkasse Schwäbisch Hall vor: Jede in Ein- oder Zweifamilienhäusern neu gebaute Wohnung schafft pro Jahr zwei neue Arbeitsplätze im regionalen Baugewerbe und weitere zwei in vor- und nachgelagerten Branchen. Dieser Beschäftigungseffekt komme überwiegend kleinen und mittelständischen Firmen zugute, zumal im privaten Wohnungsbau eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland kaum möglich ist.
Der Neubau eines durchschnittlichen Einfamilienhauses bedeute für die öffentliche Hand zudem Einnahmen in Form von Steuern und Sozialabgaben von rund 53 000 Euro. "Das ist weit mehr als das Dreifache dessen, was eine Familie mit einem Kind derzeit noch als Eigenheimzulage bekommen kann", rechnet Schwäbisch-Hall-Sprecher Stefan Speicher vor. Auch im Hinblick darauf sei es wichtig und volkswirtschaftlich sinnvoll, dass der
Gesetzgeber Rahmenbedingungen schaffe oder erhalte, die Bauwilligen Investitionen in Wohneigentum erst ermöglichten, sagte Speicher im Hinblick auf die Diskussion um die Eigenheimzulage.
2003 wurden 43,1 Milliarden Euro in den privaten Eigenheimbau investiert. Mit 82,6 Milliarden floss fast zudem fast die doppelte Summe in Modernisierungs- und Renovierungsmaßnahmen an Altbauten. Damit sind die privaten Haushalte die bedeutendste Investorengruppe im Wohnungsbau. Viele dieser Investitionen würden allerdings ohne staatliche Finanzspritze nicht getätigt: Bei einer Emnid-Umfrage gaben Ende 2003 etwa 60 Prozent der befragten Bauwilligen an, sie könnten ohne Eigenheimzulage ihre Immobilienplanungen entweder gar nicht oder erst viel später realisieren. Selbst wenn man nicht von der populären Faustformel "Ein Euro vom Staat = zehn Euro privat" ausgehe, so Speicher, sei die Anschubwirkung der staatlichen Eigenheimförderung beträchtlich: Eine Eigenheimzulage von 22 000 Euro (Familie mit zwei Kindern) löse ein durchschnittliches Investitionsvolumen von fast 150 000 Euro aus.
Wohnung und Bildung gehören untrennbar zusammen
"Mit Befremden und Unverständnis hat die deutsche Wohnungs- und Immobilienwirtschaft die jüngste Kampagne der Bundesregierung zur Kenntnis genommen, mit der auf Großplakaten für die Abschaffung der Eigenheimzulage mit dem Slogan 'Bildung statt
Beton' geworben wird", sagte Lutz Freitag, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen auf dem Immobilienkongress "Quo Vadis 2005/ 2006" in Berlin. Freitag bemängelte, dass mit diese Polemik ein in der Realität nicht vorhandener Widerspruch künstlich konstruiert und das Bauen und
Wohnen in Deutschland diffamiert werde. "Wir alle wissen, dass gute Wohnverhältnisse eine wesentliche Voraussetzung dafür sind, dass insbesondere junge Menschen Chancen im Bildungssystem überhaupt nutzen können. Wohnung und Bildung gehören untrennbar zusammen", erklärte der Chef des größten deutschen Branchenverbandes.
Der GdW habe keine Probleme, sich mit der von der Bundesregierung geplanten Streichung der Eigenheimzulage sachlich auseinander zu setzen. Er habe für diesen Fall vielmehr selbst konstruktive Vorschläge unterbreitet. Aber diese Kampagne sei nicht hinnehmbar. Er erwarte von der Bundesregierung, dass sie diesen "dummen Spruch" aus dem Verkehr ziehe.
Die Kampagne sei im Übrigen auch vor dem Hintergrund der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Immobilienbranche besonders unverständlich: 12,7 % der Bruttowertschöpfung (rd. 250 Mrd. Euro) würden von der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft erbracht. Die Landwirtschaft erreiche einen Anteil von 1,1 %. 49 % des gesamtwirtschaftlichen Kapitalstocks seien in Wohnungen angelegt, 36 % in Nichtwohnbauten, also seien 85 % des deutschen Kapitalstocks "Beton". Mit 42 % sei außerdem der größte Anteil des Bruttovermögens der privaten Haushalte in Wohnungen gebunden, so Freitag. Auch mit einem Arbeitsplatzangebot von rd. 400.000 Beschäftigten – mit steigender Tendenz - sei die Immobilienwirtschaft von zentraler Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft. Angesichts dieser Relevanz verlangte der GdW-Präsident, dass die Erhebungen des Statistischen Bundesamtes richtig strukturiert und endlich die Immobilienwirtschaft als definierter und abgegrenzter Wirtschaftszweig in die amtliche Statistik eingeführt werde.
Berlin (AP) Das Baugewerbe rechnet auch im laufenden Jahr mit Umsatzrückgängen. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes, Arndt Frauenrath, sagte im Interview der Nachrichtenagentur AP, trotz günstiger Baupreise und niedriger Darlehenszinsen «scheinen die Leute ihr Geld lieber bei den Bausparkassen zu belassen».
Im Folgenden das Interview im Wortlaut:
AP: Der Vermittlungsausschuss wird demnächst einen neuen Versuch unternehmen, einen Kompromiss zur Eigenheimzulage zu finden. Rot-Grün will die Zulage zu Gunsten der Bildungsinvestitionen abschaffen, was die Opposition im Bundesrat aber nicht mittragen will. 2005 ist die Eigenheimzulage erst einmal gesichert. Mit welchem Kompromiss könnte das Baugewerbe ab dem nächsten Jahr leben?
Frauenrath: Wichtig erscheint uns zunächst, dass mehr investiert wird. Nur wenn gebaut wird, können wir die Arbeitsplätze in der deutschen Bauwirtschaft erhalten. Man soll ja über mögliche Kompromisse nicht öffentlich sprechen, aber: Wir haben bereits in der Vergangenheit betont, dass wir uns den Umbau der Eigenheimzulage zu einer Investitionszulage vorstellen können. Das heißt, der Bauherr bekommt die Zulage nur, wenn er nachweist, dass er reguläre Firmen mit Baumaßnahmen beauftragt hat.
Nachbarschaftshilfe und
Schwarzarbeit würden damit zurückgedrängt.
Ein anderes Feld ist die private Altersvorsorge. Wir alle wissen, dass die Rentner von morgen nicht mehr so viel Rente zu erwarten haben. Wir wissen auch, dass es denjenigen Rentnern, die im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung leben, finanziell besser geht. Hier könnten wir uns Nachbesserungen des Altervorsorgegesetzes vorstellen.
AP: Was würde es für die Bauwirtschaft bedeuten, wenn sich die Regierung doch noch mit der Abschaffung der Eigenheimzulage durchsetzt?
Frauenrath: Die Abschaffung der Eigenheimzulage würde weniger Bauinvestitionen bedeuten. Weniger Investitionen bedeuten weniger Aufträge und damit weniger Arbeitsplätze, in der deutschen Bauwirtschaft und darüber hinaus.
AP: Das Hin- und Her bei der Eigenheimzulage hat zumindest den Bausparkassen im vergangenen Jahr gute Geschäfte beschert, wie der Branchenführer Schwäbisch Hall berichtete. Haben auch ihre Mitgliedsunternehmen davon profitiert, dass sich viele Menschen Ende letzten Jahres früher als vielleicht geplant zum Bauen entschlossen haben? Oder kommen ihnen diese Vorzieheffekte erst in den nächsten Monaten zu Gute?
Frauenrath: Ihre Fragen muss ich leider mit einem klaren Nein beantworten. Wir hatten Ende 2002/Erstes Halbjahr 2003 einen deutlichen Anstieg der Baugenehmigungen aufgrund der damaligen Diskussion verzeichnet. Dieser hatte sich in den ersten beiden Quartalen 2004 auch in höheren Wohnungsbauinvestitionen niedergeschlagen. Ab dem dritten Quartal war dann auch der Wohnungsbau wieder rückläufig. Die Baugenehmigungen im Wohnungsneubau gehen in 2004 wohl um zehn Prozent zurück. Aus diesem Rückgang kann keine verstärkte Bautätigkeit erfolgen. Die Menschen scheinen ihr Geld lieber bei den Bausparkassen zu belassen, obwohl Bauen noch nie so preiswert war, wie es zur Zeit aufgrund der Preissituation und der niedrigen Hypothekenzinsen ist.
AP: Welche konjunkturellen Erwartungen haben Sie für die Bauwirtschaft im jetzt begonnenen Jahr?
Frauenrath: Die Baukonjunktur wird weiter angespannt bleiben. Wir rechnen mit weiteren Rückgängen in diesem Jahr, die wahrscheinlich nicht mehr so deutlich wie im vergangenen Jahr ausfallen werden. In Zahlen konkret: Wir rechnen mit minus 1,5 Prozent bei den Bauinvestitionen, mit minus 2,5 Prozent bei den Umsätzen und mit einem Minus von 3,0 Prozent (das sind 25.000) bei den Arbeitsplätzen.
(Die Fragen stellte AP-Korrespondentin Doris Berve-Schucht)