Wer auf eine Wärmepumpe umsteigen möchte, kann mit seiner bisherigen Heizung einen ersten Praxistest machen. Der 55-Grad-Check gibt Hinweise darauf, ob die vorhandenen Heizkörper ausreichen und wo vor dem Einbau Anpassungen nötig sein könnten.
Die Zahl 55 gilt bei der Planung einer Wärmepumpe als wichtiger Richtwert. Gemeint ist die Vorlauftemperatur, also die Temperatur des Heizungswassers auf dem Weg zu den Heizkörpern oder zur Fußbodenheizung. Bleibt ein Gebäude auch an kalten Tagen mit höchstens 55 Grad Vorlauf warm, sind die Bedingungen für einen effizienten Wärmepumpenbetrieb in der Regel günstig. Höhere Temperaturen sind zwar möglich, erhöhen aber den Strombedarf.
Ob das eigene Haus mit diesem Temperaturniveau auskommt, lässt sich mit dem 55-Grad-Check an bestehenden Heizkörpern prüfen.
Für den Versuch muss es draußen kalt sein
Der Check sollte während der Heizperiode durchgeführt werden. An milden Tagen benötigt das Gebäude wenig Heizleistung. Selbst wenn die Räume dann mit niedrigem Vorlauf warm bleiben, lässt sich daraus kaum ableiten, ob das an frostigen Tagen ebenfalls gelingt. Eine kalte Phase im Spätherbst oder Winter eignet sich deshalb besser für den Versuch.
Vor Beginn werden die Thermostatventile in den beheizten Räumen vollständig geöffnet. Sie sollen den Durchfluss während des Tests nicht vorzeitig drosseln. Räume, die ohnehin unbeheizt bleiben, können ausgenommen werden. Auch die Nachtabsenkung wird vorübergehend deaktiviert, damit die Heizung durchgehend unter vergleichbaren Bedingungen arbeitet.
An der Heizungsregelung wird nun die Heizkurve so angepasst, dass der Vorlauf im Heizbetrieb höchstens 55 Grad erreicht. Die Einstellung für die Trinkwassererwärmung bleibt dabei unverändert.
Da das Gebäude verzögert auf die Umstellung reagiert, wird über ein bis drei Tage beobachtet, ob die Temperatur in den Räumen stabil bleibt oder allmählich sinkt. Hilfreich ist es, neben den Raumtemperaturen auch die Außentemperatur zu notieren. So kann ein Fachbetrieb später nachvollziehen, unter welchen Bedingungen der Test stattgefunden hat.
Warum das Ergebnis für eine Wärmepumpe wichtig ist
Erreichen alle beheizten Räume die gewünschte Temperatur, können die vorhandenen Heizflächen den Wärmebedarf bei der getesteten Witterung offenbar auch mit höchstens 55 Grad Vorlauf decken. Das spricht dafür, dass sie sich für den effizienten Betrieb mit einer Wärmepumpe eignen.
Der Zusammenhang liegt in der Arbeitsweise der Wärmepumpe. Sie nimmt Wärme aus ihrer Umgebung auf und hebt deren Temperaturniveau an, damit sich damit heizen lässt. Wie viel Strom sie dafür benötigt, hängt unter anderem vom Abstand zwischen der Temperatur der Wärmequelle und der benötigten Heizwassertemperatur ab.
Für eine Luftwärmepumpe lässt sich das vereinfacht an einem Beispiel zeigen. Bei 5 Grad Außenluft und einem Vorlauf von 65 Grad liegen die Temperaturen 60 Grad auseinander. Genügen dem Heizsystem dagegen 40 Grad Vorlauf, schrumpft der Abstand auf 35 Grad. Die Wärmepumpe muss dann einen geringeren Temperaturunterschied überwinden und benötigt für dieselbe Menge Heizwärme weniger Strom.
Die Marke von 55 Grad dient dabei als Orientierung. Sie ist keine technische Einsatzgrenze. Je nach Modell können Wärmepumpen auch höhere Vorlauftemperaturen bereitstellen. Allerdings geht das zulasten der Effizienz. Deshalb lohnt es sich bei der Vorbereitung des Heizungstauschs, die tatsächlich notwendige Vorlauftemperatur möglichst weit zu senken.
Ein kühles Zimmer ist kein Urteil gegen eine Wärmepumpe
Fällt die Temperatur während des Checks in einzelnen Räumen ab, bedeutet das nicht automatisch, dass das Gebäude unzureichend gedämmt ist. Möglicherweise gibt der betreffende Heizkörper bei abgesenktem Vorlauf schlicht zu wenig Wärme ab.
Gerade im Bestand können sich die Heizkörperreserven von Raum zu Raum unterscheiden. Während manche Heizflächen auch bei niedrigen Temperaturen genügend leisten, sind andere knapp bemessen. Ein größerer Heizkörper im betroffenen Zimmer kann dann bereits helfen. Es müssen also nicht zwangsläufig sämtliche Heizkörper ausgetauscht oder eine Fußbodenheizung eingebaut werden.
Der Fachbetrieb sollte auch prüfen, wie sich das Heizungswasser auf die Räume verteilt. Ein hydraulischer Abgleich kann die Versorgung verbessern und dazu beitragen, mit einem niedrigeren Vorlauf auszukommen. Gezielte Dämmmaßnahmen sind eine weitere Möglichkeit, weil sie den Wärmebedarf der betroffenen Räume verringern.
Bleibt dagegen ein großer Teil des Hauses zu kühl, muss genauer untersucht werden, welche Heizleistung erforderlich ist und welche Veränderungen helfen würden. Auch dieses Ergebnis bedeutet aber nicht, dass vor dem Einbau einer Wärmepumpe eine Komplettsanierung nötig wird. Den Umfang der Arbeiten sollte eine fachliche Berechnung klären.
Der 55-Grad-Check ist ein guter erster Schritt
Der 55-Grad-Check verschafft Eigentümern einen ersten Eindruck, wie gut die vorhandenen Heizflächen für den Betrieb mit einer Wärmepumpe geeignet sind und ob einzelne Räume auffallen. Welche konkrete Leistung die Wärmepumpe haben sollte, lässt sich daraus jedoch nicht bestimmen. Dafür braucht es eine Heizlastberechnung. Zur Planung gehört außerdem, die Leistung der Heizflächen bei den vorgesehenen Systemtemperaturen zu prüfen. Auch der Warmwasserbedarf muss in die Auslegung einfließen.
Wer den Wechsel angehen möchte, kann die Ergebnisse aber als ersten Anhaltspunkt mit in die weitere Planung nehmen. Im nächsten Schritt wird dann geklärt, welche Anlagengröße zum Gebäude passt und welche Anpassungen sinnvoll sind.
Zum Autor:
Johannes Ostwald ist Gründer und Geschäftsführer von Energie Süddeutschland, einem regional führenden Anbieter für Photovoltaik, Speicherlösungen und umweltfreundliche Heizsysteme. Der gelernte Industriemechaniker arbeitete acht Jahre bei der Allianz, bevor ihn 2017 die Suche nach einer Wärmepumpe und Solaranlage für sein eigenes Haus in die Energiebranche führte.
Nach einer Weiterbildung zum Energieeffizienzberater gründete er 2022 sein eigenes Unternehmen. Heute plant und realisiert Energie Süddeutschland Energielösungen für Privat- und Geschäftskunden im gesamten süddeutschen Raum.