Wer heute baut, stellt sich die Frage, ob sein Haus für die Zukunft gerüstet ist. Wie hoch ist der Energieverbrauch? Bleiben die Kosten dafür bezahlbar? Die Preise für Öl und Gas werden weiter steigen. Selbst die Internationale Energieagentur (IEA) warnt offen vor einem möglichen Ölpreis von bis zu 200 Dollar pro Barrel im Jahr 2013. Der optimierte Einsatz kostenloser Sonnenenergie und
Umweltwärme im Solaraktivhaus in Regensburg zeigt, wie der Weg in eine von fossilen Brennstoffen unabhängige Zukunft aussehen könnte.
Die Kollektoren für die Solarthermie stehen fast senkrecht. Foto: SONNENKRAFT
Architekt Stephan Fabi erläutert SONNENKRAFT-Projektleiter Markus Staudigl die Steuerung des Hauses. Foto: SONNENKRAFT
Haustechnik 2020 hundert Prozent erneuerbar
Noch vor zehn Jahren war es undenkbar, ein neues Wohnhaus ohne
Schornstein und Öl- oder Gasheizung zu bauen. Seit 2009 gehört
die teilweise Nutzung erneuerbarer Wärme laut Erneuerbaren-
Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) zur Pflicht für Bauherren. Das
Regensburger Solaraktivhaus mit dem Baustandard 2020 kommt
ohne fossile Brennstoffe und mit einer geringen Gebäudeheizlast
von 4,7 kW aus. Zum Heizsystem Solar Compleet von Sonnenkraft
GmbH gehört eine Luft-/Wasser-Wärmepumpe. Sie wärmt das Haus
im Zusammenspiel mit einer Solarthermie-Anlage über die
Fußbodenheizung. Auf dem Dach werden 35 m² Flachkollektoren
montiert.
Die Wärmepumpe ist direkt mit der Solaranlage verbunden und
erreicht dadurch eine hohe Jahresarbeitszahl von über 4. Sie ist
damit mit dem Wirkungsgrad heutiger Sole-/Wasser-Wärmepumpen
vergleichbar. Zum Solar Compleet-System gehört ein großer 1.000-
Liter-Pufferspeicher mit Frischwasserstation. Im sparsamen
Durchlaufverfahren wird hygienisch einwandfreies Brauchwasser
zum Duschen und Baden aufbereitet. Die Temperierung der Räume
erfolgt über die Fußbodenheizung: Im Winter gibt die Solar
Compleet-Anlage Wärme an das Heizungsnetz ab und im Sommer
im Umkehrbetrieb Kühle. Damit keine wertvolle Heizungswärme zum
Fenster hinaus gelüftet wird und die Nullenergiebilanz des Hauses
erhalten bleibt, wird das Haus der Zukunft im Winter über eine
zentrale Lüftungsanlage mit vorgewärmter Frischluft versorgt. Die
Zuluft wird über das Erdreich angesaugt und von einem
Lüftungsgerät über Luftkanäle in den Räumen verteilt. Im Sommer
wird die vom Erdreich vorgekühlte Luft zum Kühlen genutzt. In
frischen Sommernächten können die Hausbewohner die Lüftung
ausschalten und manuell über die großflächigen Fenster lüften. Das
spart zusätzlich Energie.
Das Kraftwerk auf dem Dach
Der Strom, den die Wärmepumpe im Haus der Zukunft für das
Erzeugen der Wärme benötigt, ist grüner Strom. Denn die
voraussichtlich 55 m² große Photovoltaikanlage speist diesen Anteil
Sonnenstrom ins Netz. Das Sonnenkraftwerk auf dem Dach sorgt so
für die ausgeglichene Bilanz des Nullenergiehauses. In der
Jahresbilanz soll die PV-Anlage den Strombedarf der kompletten
Haustechnik und des Haushalts zurück ins Netz speisen. Die
genaue Energiebilanz des Hauses wird Dipl.-Ing. Florian Kagerer
vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in den
nächsten zwei Jahren per Monitoring feststellen. Wenn 2010 eine
Familie ins neue solar aktive Heim einzieht, misst der
Wissenschaftler zwei Jahre lang per Datenfernübertragung die
Energiekennwerte des Haues. Damit kann das ISE das reale
energetische Verhalten des Gebäudes in der Realität abbilden und
wertvolle Erkenntnisse für weitere Häuser im Baustandard 2020
gewinnen. Florian Kagerer sagt: „Die bisherige rechnerische
Energiebilanz ergibt ein Nullenergiehaus-Standard. Ziel der
Überwachung ist aber, über Anlagenregelung und durch sparsames
Nutzerverhalten einen Plusenergiehaus zu erhalten“.
Energetische Baustandards
Ein kurzer Überblick über gängige Häusertypen, absteigend nach
ihrem Energieverbrauch.
Niedrigenergiehäuser sind Neubauten und sanierte Altbauten,
welche die in der EnEV geforderten energietechnischen
Anforderungen unterschreiten. Durch die Fortschreibung der EnEV
ist dieser Standard flexibel. Als Niedrigenergiehaus 2012 gilt ein
Haus mit einem um 30 Prozent geringeren Primärenergiebedarf als
2009. In der EnEV 2009 ist für Neubauten ein um 30 Prozent
niedriger Primärenergiebedarf vorgeschrieben als in der
Vorgängerversion von 2007.
Das Passivhaus gilt als Weiterentwicklung des
Niedrigenergiehauses. Für diesen Standard ist ein Heizwärmebedarf
von weniger als 15 kWh/m²a definiert. Der Primärenergiebedarf mit
Warmwasser und Strom liegt unter 120 kWh/(m²a). Der bauliche
Wärmeschutz für die Gebäudehülle liegt unter einem U-Wert von
0,15 W/m²K. Die Fensterflächen besitzen eine sehr gute
Luftdichtheit und der U-Wert liegt unter 0,80 W/m²K. Oft werden für
die Heizung ganz oder teilweise regenerative Energiequellen wie
Sonnenenergie genutzt. Wegen der hohen Luftdichtheit des
Passivhauses wird es über eine kontrollierte Lüftungsanlage mit
Wärmerückgewinnung mit Frischluft versorgt.
Das Nullenergiehaus verbraucht noch weniger Energie als ein
Passivhaus. Ein Nullenergiehaus benötigt rechnerisch in der
Jahressumme keine Fremdenergie außerhalb des Baugrundstücks,
weder Strom aus einem entfernten Kraftwerk noch einen Heizöltank
oder Erdgasanschluss. Die benötigte Energie für Heizung,
Warmwasser und Haushaltsstrom wird im bzw. am Haus durch
Solaranlagen und Umweltwärme selbst erzeugt. Die 2009
verabschiedete EU-Gebäuderichtlinie definiert das „Netto-
Nullenenergiegebäude“ als ein Haus, bei dem der „jährliche
Primärenergieverbrauch aufgrund der sehr hohen Energieeffizienz
des Gebäudes nicht die Energieerzeugung vor Ort aus erneuerbaren
Energien übersteigt“.
Wird in einem Haus mehr Energie produziert als selbst verbraucht,
spricht man von einem Plusenergiehaus. Ein hoher
Wärmedämmstandard gekoppelt mit intelligenter erneuerbarer
Haustechnik und einer großen Photovoltaikanlage machen das Plus
an Energie möglich.