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News vom 06.05.2011

Europäische Normung: Aktuelle und zukünftige Herausforderungen

Unter der Diskussionsleitung von Prof. Dr.-Ing. Klaus Homann haben namenhafte Referenten führender deutscher Zertifizierungsinstitute, des ZVSHK und von Herstellern aus dem Gas- und Wasserbereich die Hintergründe von nationalen Zulassungen, CE-Kennzeichnungen bis hin zu internationaler Iso-Normung jüngst auf einer Viega-Veranstaltung in Berlin erörtert.

Das Unternehmen Viega hatte zu einem Fachsymposium zur EU-Harmonisierung eingeladen. Unter dem Titel der Veranstaltung „Produkte, Gütesiegel und Regelwerke im EU-Binnenmarkt - welche Bedeutung hat `Made in Germany' zukünftig im Gas- und Wasserfach?“ wurden die Themen „Produkte und Märkte“, „Zertifizierung und Zulassung“ und Normen und Fachhandwerk intensiv beleuchtet.

Normen in der Gesellschaft
Normen beeinflussen unser gesamtes Leben, insbesondere natürlich das Wirtschaftsleben. „Die Normen machen eigentlich vor Nichts halt, aber das ist auch gut so“, führte Prof. Dr.-Ing. Klaus Homann, Präsident des Deutschen Instituts für Normung DIN, in das Thema Normen ein. Im Wirtschaftsleben sind Normung, technische Regelsetzung und alles, was sich daran anschließt, Marktmacht und Märkte bestimmend und schüren letztendlich auch den Erfolg von Unternehmen. Während es für den Ingenieur eigentlich kaum eine Möglichkeit gibt, an diesem Thema vorbeizukommen, sind es oft aber aus Sicht des Verbrauchers fast schon zu viele Normen.

„Verbraucher zeigen sich beim Thema Normen ambivalent und haben keine klare Meinung dazu. Das liegt natürlich auch daran, dass technische Regeln noch besser „verkauft“ werden müssen. Damit dem Verbraucher klarer wird, dass es um ihr Geld, ihre Sicherheit und bspw. ihre Wasserhygiene geht“, führte Homann aus. Andererseits seien an anderer Stelle Verbraucher dann aber auch schnell mit der Kritik an der Hand, dass zu wenig genormt würde. Als Beispiel erinnerte Homann an den Ärger rund um die Ladegeräte für Handys und andere kleine Mobilgeräte. Für diese Geräte sind die Stecker noch nicht genormt und mit jeder Neuanschaffung kommt ein neues, weiteres Ladegerät in den Haushalt. Und wenn zukünftig auch neue Themenbereiche wie bspw. „Dienstleistungen in Europa“ in den Fokus von technischer Regelsetzung und Norm rücken, wird laut Homann das Thema Normen und der Umgang damit nicht einfacher.

Normen im Gas- und Wasserfach
Mit der Verwirklichung des europäischen Binnenmarktes sollten einheitliche Normen und Regelwerke erarbeitet werden, die als zentrale Voraussetzung für den freien Warenverkehr innerhalb der Europäischen Union dienen. Oft versteht die Öffentlichkeit aber nicht, warum dieser europäische Normungsprozess so ein langwieriger und schwieriger Prozess zu sein scheint. Nicht vergessen werden darf dabei, dass das ganze Thema europäische Normung im Gas- und Wasserfach nicht auf der grünen Wiese entstanden ist. Und genau darin liegt u. a. das Problem – es gibt mannigfache Traditionen und unterschiedliche Installationsgewohnheiten in Europa. Innerhalb der Länder herrschen völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was zum Beispiel Wasserhygiene oder technische Sicherheit in der Gasinstallation bedeutet. Die Schwierigkeit besteht folglich darin, sich in den Kommissionen auf gemeinsame Regelungen zu verständigen. So wird verständlicher, warum man gerade im Gas- und Wasserfach mit der Harmonisierung der Normen nicht so ganz weit gekommen ist. Nach wie vor ist daher „Made in Germany“ ein ganz wichtiges Qualitätsmerkmal in Deutschland und zum Teil auch in vielen anderen europäischen Ländern, die sich seit langem an deutschen Normen und Regeln orientieren.



Fragen, die Homann in diesem umrissenen Spannungsfeld in die Diskussionsrunde gab, lauteten:
  • Was bedeutet Europa im Gas- und Wasserfach?
  • Was bedeutet das CE-Zeichen für Produkte auf der einen Seite und was wiederum das DVGW-Zeichen auf der anderen Seite für Produkte?
  • Was haben diese Zeichen mit Qualität und Sicherheit zu tun?
  • Was bedeutet das für Markteintrittsbarrieren in anderen Ländern?
  • Und letztlich die entscheidende Frage aller Fragen: Wie kann man aus diesem Dilemma herauskommen?



Dr.-Ing. Günter Stoll:
„Wir brauchen europaweit einheitliche Anforderungen an Produkte und Materialien!“
Dr.-Ing. Günter Stoll  ist Geschäftsführer der Grünbeck Wasseraufbereitung GmbH und im  Präsidium der „figawa“ – Firmen im Gas- und Wasserfach. Figawa ist ein technisch-wissenschaftlichen Verband, in dem etwa 1.100 Industrieunternehmen mit 230.000 Mitarbeitern organisiert sind. Unter  anderem  engagiert sich figawa in der  Mitarbeit bei der Aufstellung einschlägiger Normen und Regelwerke und wirkt an  der Unternehmens- und Produktzertifizierung durch den DVGW mit.
 
„Die in der ’figawa’ organisierten Industrieunternehmen kämpfen seit langer Zeit an zwei Fronten. Zum einen schafft es die Europäische Kommission seit vielen Jahren nicht, europaweit einheitliche Standards für Materialien in Kontakt mit Trinkwasser zu schaffen. Die Konsequenz sind nationale Sonderwege, die unter anderem zu einem immensen Prüfaufwand für die Zulassung der einzelnen Produkte führen. Zum anderen werden die nationalen Anforderungen immer weiter verschärft. Das erhöht die ohnehin schon beträchtlichen Prüfgebühren zusätzlich. Dadurch klafft die Schere zwischen hochwertigen, zertifizierten Produkten und minderwertigen, nicht zugelassenen Produkten für die Trinkwasser-Installation immer weiter auseinander. Wir brauchen daher europaweit einheitliche Anforderungen an Produkte und Materialien in Kontakt mit Trinkwasser. Zudem brauchen wir Stellen, die den Markt überwachen und qualitativ minderwertige Produkte verhindern.“




Dipl.-Ing Werner Schulte:
„Wir geben Anforderungen an Qualitätsansprüche auch für CE-Kennzeichnung nicht auf!“
 
Dipl.-Ing Werner Schulte leitet bei Systemanbieter Viega das Technische Marketing und vertritt den Hersteller seit Jahren in zahlreichen Gremien und Ausschüssen. Dort hat er direkt die Schwierigkeiten erlebt, für vergleichsweise unspektakuläre, aber sicherheitsrelevante Installationskomponenten wie beispielsweise Pressverbinder einen EU-weiten Normungskonsens zu finden – es ist bis heute nicht gelungen…
„Die fortschreitende Harmonisierung des europäischen Binnenmarktes im Gas- und Wasserfach bietet einerseits Chancen für Einsparungen im Bereich der Produktzertifizierungen. Andererseits ist aber zugleich ein `Downgrading´ der europäischen Regelwerke gegenüber den nationalen Standards zu erkennen. Das ist aus unserer Sicht aber nicht akzeptabel, denn gemessen an ihrem vergleichsweise geringen Wert in einer Gesamtinstallation können auch Produkte wie ein Pressverbinder, z.B. unter dem Estrich verlegt, immens hohe Schäden verursachen. Entsprechend nachdrücklich treten wir für die Erhaltung des erreichten deutschen Qualitätsniveaus auch in den Normen und Regelwerken des zukünftigen gemeinsamen Marktes ein: Nationale Alleingänge sind hier prinzipiell die falsche Richtung, aber so lange unverzichtbar, wie auf europäischer Ebene kein Konsens erzielt wird. Europäische Normung ist für uns dann zielführend, wenn sie durch angemessene Zertifizierungssysteme die notwendige Produktqualität für die zu erwartende Betriebsdauer der Anlagen sicherstellt. Dieser Qualitätsanspruch wird auch für eine einheitliche CE-Kennzeichnung nicht aufgegeben.“




Dipl.-Ing. Gerhard Cyris:
„Das CE-Zeichen bestätigt Mindestanforderungen, das DVGW-Zeichen steht für Qualität!“
Dipl.-Ing. Gerhard Cyris leitet das Berliner Büro des DVGW, des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e.V. – und hat allein schon daher zum Thema „Produkte, Gütesiegel und Regelwerke im EU-Binnenmarkt …“ eine besondere Nähe. Trotzdem sieht Cyris mittelfristig eine sinnvolle Co-Existenz der DVGW-Kennzeichnung und des CE-Zeichens kommen – das eine weiterhin als Gütesiegel, das andere ergänzend als „Hersteller-Erklärung“ zu den gesetzlichen Mindestanforderungen eines Produktes. 
„Die Technische Regelsetzung gehört zu den Kernkompetenzen des DVGW. Der Gesetzgeber räumt den DVGW-Arbeitsblättern sogar den Status von allgemein anerkannten Regeln der Technik ein. Der Anwender kann also rechtssicher davon ausgehen, dass bei Beachtung der DVGW-Regeln zugleich den öffentlich-rechtlichen Vorschriften entsprochen wird. Die nach dem internationalen Normkodex der Welthandelsorganisation (WTO) unparteilich und im Konsens erstellten DVGW-Arbeitsblätter weisen damit zugleich ein Qualitätsniveau aus, wie es für Produkte im Kontakt mit Trinkwasser oder in Gas-Installationen notwendig ist. Das CE-Kennzeichen hingegen ist lediglich Ausdruck für die Übereinstimmung mit einer EG-Richtlinie zur Harmonisierung technischer Vorschriften. Es weist also die Einhaltung von Mindestanforderungen aus, die an ein Produkt zu stellen sind. Das CE-Kennzeichen kann und wird ein wichtiger Schritt in der Weiterentwicklung des europäischen Normungssystems sein. Das nationale Delegationsprinzip sollte jedoch beibehalten werden, damit nationale Besonderheiten auch zukünftig einfließen können.“




Dipl.-Ing. Klaus Endrullat
„Die CE-Kennzeichnung ist wichtig - für ein starkes Europa im globalen Warenverkehr!“
 
Dipl.-Ing. Klaus Endrullat ist beim Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) Leiter des Referats Heiz-, Raumlufttechnik einschließlich Energieeinsparung, Gas- und Wasserversorgung – und damit ganz nah an Produkten und Systemen, die ein CE-Kennzeichen über Zulassungen (European Technical Approval - ETA) erhalten. In der CE-Kennzeichnung sieht er daher auch „die große Chance, dass dem freien Warenverkehr ganz weit die Tür aufgemacht wird!“
„Nationale und europäische Zulassungen sind ein exzellentes Tool, um auf die Sicherheitsanforderungen der Produkte eines einzelnen Herstellers individuell und maßgeschneidert eingehen zu können. Im Gegensatz zur Normung bedarf es dabei nicht der Konsensbildung der am Markt konkurrierenden Unternehmen. Deswegen stehen Zulassungen und Normungen auch nicht in einem Gegensatz zueinander, sondern ergänzen sich. Davon profitieren insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen, denn deren innovative Produkte bleiben bei mancher EN-Normung unberücksichtigt und können dann oft nur über eine Einzelzulassung ein CE-Zeichen erlangen. Die europäische Politik hat sich zum Ziel gesetzt, für technische Regelsetzungen Normungen zu bevorzugen. Die globale Vermarktung soll wiederum über die ISO-Normung gewährleistet werden. Um Deutschlands Vorreiterrolle bei bestimmten Schutzzielen wie Trinkwassergüte, Gassicherheit oder Energieeffizienz abzusichern, sollten unbedingt die Erkenntnisse von Einzelzulassungen in die Normungsarbeit einfließen.“




Franz-Josef Heinrichs:
„Neben CE-Kennzeichnung für Produkte auch einheitliche Regelwerke für die Montage schaffen!“
Als Stellvertretender Geschäftsführer Technik des Zentralverbandes Sanitär Heizung Klima ist Franz-Josef Heinrichs ganz nah am Puls des Handwerks. Nachdrücklich weist er deswegen auch darauf hin, dass die CE-Kennzeichnung für Produkte nur der erste Schritt sein kann – der nicht ohne vergleichbare Voraussetzungen für die fachgerechte Montage betrachtet werden sollte.

 
„Bei der Erarbeitung europäischer Anwendungsnormen hat sich schnell gezeigt, wie schwierig sich nationale Regeln harmonisieren lassen. Entsprechend kompromissbehaftet waren die Normen der ersten Generation, in denen damit nur Grundlagen festgezurrt werden konnten. Solang dies so ist, sind nationale Ergänzungsnormen zur Absicherung des über Jahrzehnte gewachsenen, bewährten Qualitätsniveaus der Trinkwasser- und Gasinstallation unerlässlich. Mittelfristig aber sollte sich in den Regelwerken der Europäischen Gemeinschaft ein einheitliches Verständnis des Fachhandwerks für Gesundheit und Sicherheit widerspiegeln. Europäische Normung ist dann für uns zielführend, wenn die Produkte auch künftig den Anforderungen der Baupraxis auf einem vertretbaren Qualitätsniveau entsprechen. Dies betrifft sowohl die Anforderungen an Planung und Ausführung als auch an den Betrieb der Anlage. In der aktuellen Übergangsphase kann die EU-Normung ein wichtiger Baustein in dieser Entwicklung sein, wenn die notwendigen Voraussetzungen für eine fachgerechte Montage und den bestimmungsgemäßen Betrieb nicht außer Acht gelassen werden. Anwendungsnormen wie beispielsweise die EN 806 für Trinkwasser-Installationen sollten jedoch zukünftig die hohen Anforderungen, die wir in Deutschland im Hinblick auf Gesundheit und Sicherheit stellen, beinhalten, so dass nationale Ergänzungsnormen hinfällig werden.“



Standpunkte:

Dr.-Ing. Günter Stoll: „Wir stellen uns dem Wettbewerb, auch aus Billiglohn-Ländern – wenn er fair stattfindet und nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden!“

Dipl.-Ing. Werner Schulte:„Nationale Alleingänge sind in der Normung der falsche Weg, aber so lange notwendig, bis eine Einigung über das notwendige Qualitätsniveau erzielt ist und damit Schadensrisiken ausgeschlossen werden können.“

Dipl.-Ing. Gerhard Cyris: „Sicherheit geht im Zweifelsfall vor freiem Warenverkehr. Die europäische Normungsarbeit der nächsten Jahre wird zeigen, in welchem Umfang auch zukünftig nationale Zertifizierungssysteme erforderlich sind.“

Dipl.-Ing. Klaus Endrullat: „Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen mit innovativen Produkten profitieren von der Möglichkeit, CE-Kennzeichen über Einzelzulassungen zu erhalten!“

Franz-Josef Heinrichs: „Zukünftig sollte sich in den Regelwerken der Europäischen Gemeinschaft ein einheitliches Verständnis für Gesundheit und Sicherheit widerspiegeln.“
Aktuelle Forenbeiträge
P G schrieb: Hallo, ich hab irgendwie ein Verständnis Problem, ich möchte...
Sonnenschein123 schrieb: Hallo zusammen, ich habe einen älteren ETA PE 25, Baujahr...
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