Die atomare Katastrophe in Japan und die Frage nach der Sicherheit deutscher AKWs hat die Debatte um die zukünftige Energieversorgung Deutschlands neu entfacht. Es wird diskutiert, ob ein schnellerer Atomausstieg ohne Versorgungsengpässe zu machen ist. Der Steigerung der Energieeffizienz kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Sie ist die sauberste, billigste und sicherste Energiequelle – und sofort verfügbar. Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz e. V. (DENEFF) schlägt der Bundesregierung in ihrem 10-Punkte-Programm für die kommenden 12 Monate konkrete Sofort-Maßnahmen vor, mit denen die Energieeffizienz im Strom- und Wärmebereich gesteigert werden kann und somit bis 2020 alle bestehenden Atomkraftwerke eingespart bzw. ersetzt werden können – ohne zusätzliche Energieimporte und CO2-Emissionen.
In einer repräsentativen Umfrage von Forsa im Auftrag der Umweltorganisation Germanwatch sprachen sich 83 Prozent der Befragten dafür aus, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz deutlich schneller ergriffen werden. Laut DENEFF sei jetzt der richtige Zeitpunkt, durch zusätzliche Anreize wie Steuervergünstigungen, Zuschüsse zur Gebäudesanierung, Beratungs- und Qualifizierungsoffensiven und den Start des angekündigten Energieeffizienzfonds Hausbesitzer und Unternehmer für die schnelle Umsetzung von Effizienzmaßnahmen zu gewinnen.
Im Stromsektor können jährlich etwa 68,3 TWh aus dem Sofortprogramm zuzüglich 13 TWh durch bereits beschlossene Ökodesign-Maßnahmen (Pumpen, Standby, Haushaltsbeleuchtung) bis 2020 eingespart werden. Das entspricht der Jahresproduktion von über 10 Großkraftwerken (1. bis 4.) Die Steigerung der Wärmeeffizienz ist wichtig für die notwendige Anpassung des Energie-Mix. Durch den Verzicht auf AKW-Kapazitäten steigt kurzfristig der Bedarf nach der Verstromung fossiler Energieträger wie Erdgas. Durch eine wirksame und schnelle Steigerung der Wärmeeffizienz kann der zusätzliche CO2-Ausstoß durch den Ersatz der Jahresproduktion 9 weiterer AKW durch konventionelle Gaskraftwerke kompensiert und zusätzliche Energieimporte minimiert werden. Insgesamt können 155 TWh Wärme eingespart werden (5. bis 7.). Unterstützend müssen Akteure aus der Finanzwirtschaft, neue Dienstleister, die öffentlichen Hand und die Wissenschaft aktiviert und motiviert werden, zur Schaffung attraktiver Rahmenbedingungen und Entwicklungen beizutragen. Nur so sind die genannten Einsparziele schnell und effektiv zu erreichen (8. bis 10.).
Insgesamt würde durch die Maßnahmen des Sofortprogramms zwischen 260.000 und 500.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen und gesamtwirtschaftlich umgerechnet jeweils 19,3 Mrd. EUR Energiekosten pro Programmjahr eingespart werden. Dem gegenüber stehen zusätzliche Investitionen in Höhe von 11,8 Mrd. EUR, wovon 6,9 Mrd. EUR im Rahmen des Programms an öffentlichen Mitteln benötigt werden.
Die Maßnahmen im Einzelnen
1. Den angekündigten Energieeffizienzfonds umsetzen und auf 562 Mio. EUR aufstocken: Der Energieeffizienzfonds muss Anreizprogramme finanzieren, die eine Verbreitung energieeffizienter Technologien beschleunigen (z. B. Pumpen, Motoren und sensorgesteuerte Bürobeleuchtungssysteme). Dafür werden bis 2020 öffentliche Mittel in Höhe von jährlich etwa 562 Mio. EUR benötigt. Dem gegenüber stehen gesamtwirtschaftliche Energiekosteneinsparungen von jährlich 3 Mrd. EUR. Effekt: 36,5 TWh Stromeinsparung/Programmjahr, -3,7 TWh Wärmeeinsparung/Programmjahr, 39.500 zusätzliche Jobs
2. Energiemanagement in der Wirtschaft stärken: Das produzierende Gewerbe soll künftig nur dann bei der Ökosteuer entlastet werden, wenn es Energiemanagement betreibt. Notwendig dafür: vergleichbare Standards durch ein einheitliches Kennzahlensystem für Energieeinsparungen und ein regelmäßiges Monitoring – gekoppelt an eine ambitionierte Selbstverpflichtung der Industrie zu konkreten branchenbezogenen Einsparungen. Effekt: 13,5 TWh Stromeinsparung/Programmjahr, 20,5 TWh Wärmeeinsparung/Programmjahr, 43.700 zusätzliche Jobs
3. Energielieferanten mit „Weißen Zertifikaten“ zum Stromsparen verpflichten: Die Bundesregierung muss das im Energiekonzept angekündigte Pilotvorhaben zur Einführung von Einsparverpflichtungen für die großen Energielieferanten schnell umsetzen und in die Breite tragen. Für nachgewiesene Energieeinsparungen erhalten die Unternehmen Zertifikate. Effekt: 11,3 TWh Stromeinsparung/ Programmjahr, 6,5 TWh Wärmeeinsparung/Programmjahr, 23.500 zusätzliche Jobs
4. Beratungsoffensive „Green ICT“ für Industrie, Handel, Dienstleistung: Optimierte Kühlungssysteme und intelligente Hard- und Softwarelösungen können dazu beitragen, Leerlauf- und Betriebsverluste signifikant zu senken und müssen schnell verbreitet werden. Effekt: 1,1 TWh Stromeinsparung/ Programmjahr, 1.500 zusätzliche Jobs
5. Wohnhäuser sanieren und neue Häuser noch energiesparender bauen: Der Einstieg in den Sanierungsfahrplan vor 2020 muss vor allem beim individuellen Hausbesitzer ansetzen. Hierzu ist eine Ausweitung der erfolgreichen Vor-Ort-Beratung durch unabhängige Akteure und eine Qualifizierungs-offensive für Handwerk und Energieberater notwendig. Auch die energetischen Anforderungen für den Neubau müssen wie geplant 2012 um 30 Prozent verschärft werden.
6. Finanzielle Anreize setzen: Für die nächsten Jahre müssen staatliche Anreize verstetigt werden, um für Anbieter und Käufer von Effizienzlösungen Investitionssicherheit zu gewährleisten. Insgesamt müssten 5 Mrd. EUR pro Jahr zur Verfügung gestellt werden: durch KfW-Programme und weitere, zielgruppengerechte Anreize wie Steuervergünstigungen (bspw. Effizienz-Sonderabschreibung).
7. Abwärme der Industrie senken und intelligent nutzen: Bei industriellen Prozessen entstehende Abwärme muss durch Prozessinnovationen oder technische Isolierung signifikant gesenkt werden. Die verbleibende Abwärme sollte intelligent genutzt werden, z. B. für die Einspeisung in Nahwärmenetze.
Gesamteffekte der vorgeschlagenen Wärmeeffizienzmaßnahmen (Punkte 5 bis 7):
Energieeinsparpotenzial/Programmjahr: 2,6 TWh Strom / 85,4 TWh Raumwärme / 36,0 TWh industr. Abwärme
Energiekosteneinsparung/Programmjahr1: 9.200 Mio. EUR bei 2.291 Mio. EUR
Eigeninvestitionen und 5.000 Mio. EUR öffentlichen Zuschüssen (jeweils exkl. Ohnehin-Kosten)
377.000 zusätzliche Jobs2 (davon 141.500 durch energetische Zusatzinvestitionen und 235.500 durch Ohnehin-Zusatzinvestitionen
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1 Exkl. Effekte aus Punkt 7 (Abwärme)
2 Exkl. Effekte aus Punkt 5 (EnEV für Neubauten) und Effekte Punkt 7 (Abwärme)
8. Energiedienstleistungen stärken, Ökosteuerausnahme für Effizienz-Contracting wieder einführen: Mit der Aussetzung von Ökosteuerausnahmen für Contracting-Lösungen wurde ein funktionierendes Geschäftsmodell für Energieeffizienz deutlich zurückgeworfen. Da hiermit insbesondere die Umsetzung geringinvestiver Maßnahmen beschleunigt wird, sollte dieser Anreiz, gekoppelt an Einsparverpflichtungen, umgehend wieder eingeführt werden. Um die Risikobarriere für den Contractingmarkt zu senken schlagen wir ergänzend die Bereitstellung von Ausfallbürgschaften vor. Effekt (Ausfallbürgschaften): 1,6 TWh Stromeinsparung/Programmjahr, 3,8 TWh Wärmeeinsparung/ Programmjahr, 4.300 zusätzliche Jobs
9. Der Staat muss beim Energiesparen Vorbild sein: Die öffentliche Hand muss den Bürgern ein Vorbild in Sachen Energieeffizienz sein, um Akzeptanz für dieses Thema zu schaffen. Außerdem trägt die Nachfrage der öffentlichen Hand zu einer schnellen, kostengünstigen Verbreitung innovativer Effizienztechnologien bei. Finanziell angeschlagene Kommunen werden durch kostenoptimale Effizienzmaßnahmen von stetig steigendenden Energiekosten entlastet. Effekt: 1,7 TWh Stromeinsparung/Programmjahr, 6,5 TWh Wärme-einsparung/Programmjahr, 6.900 zusätzliche Jobs
10. Forschung für Energieeffizienz stärken, nationales Forschungszentrum schaffen: Energieeffizienz braucht einen angemessenen Rahmen in der Wissenschaft, um die weitere Entwicklung von Effizienztechnologien voranzutreiben. Aber auch auf sozialwissenschaftliche und juristische Fragen zur Erschließung vorhandener Potenziale müssen hier Antworten gefunden werden.