Jüngst auf der ISH 2011 in Frankfurt hat Dr. Martin Viessmann, Inhaber der Viessmann Werke GmbH & Co KG, die eigenen Vorstellungen eines Energiekonzepts erläutert. Viessmann, der beim "Klimaschutzdialog Wirtschaft und Politik" in der Arbeitsgruppe 1 "Klimaschutz und Gebäude" maßgeblich mitgewirkt hat, hält das Potential der Erneuerbaren Energien, ohne eine vierzigprozentige Energieeinsparung des heutigen Energieverbrauchs durch Effizienz, langfristig nicht für ausreichend. Zudem sei das heutige Stromnetz den zukünftigen Anforderungen nicht gewachsen. Eine Verknüpfung des Strom- und Erdgasnetzes sowie der Ausbau der Biomasse könnten laut Viessmann hier Ansätze sein.
Dr. Martin Viessmann will mit Biogas dem Erdgas eine grüne Komponente geben. „Potenzial der erneuerbaren Energieträger reicht langfristig nicht aus“
„Um die von der Politik vorgegebenen Klimaschutzziele zu erreichen, müssen die bestehenden Rahmenbedingungen dringend überprüft und angepasst werden“, sagte Dr. Viessmann.
Die Potenziale der erneuerbaren Energieträger reichten auch langfristig nicht aus, den Bedarf in heutiger Größenordnung abzudecken. Zunächst müssten annähernd 40 Prozent des heutigen Energieverbrauchs durch Effizienzsteigerung eingespart werden. Erst dann sei eine Vollversorgung mit erneuerbarer Energie möglich. „So gesehen ist die Effizienz unsere wichtigste Ressource“, fasste Dr. Viessmann zusammen.
Nach Informationen der EU-Kommission werden die Mitgliedstaaten ihre Effizienzziele für 2020 nahezu komplett verfehlen. Deutschland wird nur 11,8 statt – wie geplant – 20 Prozent erreichen. Im Kontrast zu dieser realen Entwicklung stehen die Anforderungen der Energy Performance of Buildings Directive (EPBD) der EU, die im Neubau ab 2020 das Passivhaus zum Standard erhebt. Für den Gebäudebestand sieht das im September vergangenen Jahres vorgelegte Energiekonzept der Bundesregierung vor, den Wärmebedarf bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren und den Rest mit erneuerbaren Energien abzudecken.
Klimaschutzdialog „Wirtschaft und Politik“
Die Bundesregierung arbeitet zurzeit an der Festlegung von Maßnahmen zum Erreichen der zum Teil ambitionierten Ziele. Der von Bundesumweltminister Röttgen initiierte Klimaschutzdialog zwischen Wirtschaft und Politik hat bereits konkrete Vorschläge erarbeitet. Die Arbeitsgruppe „Gebäudebereich“ hat unter Mitwirkung von Viessmann eine ganze Reihe von Empfehlungen für die energetische Gebäudesanierung abgegeben.
Wichtig ist nach Ansicht von Dr. Viessmann, dass die Energieeffizienz von Gebäuden nicht auf die Dämmung reduziert werden darf. Jedes Gebäude müsse als integriertes System von Bauphysik und Anlagentechnik gesehen werden. Die Reihenfolge der Sanierungsmaßnahmen müsse an den Erneuerungszyklen der einzelnen Komponenten orientiert werden, wenn sie wirtschaftlich sein solle.
Langfristig werde der Heizwärmebedarf der Gebäude deutlich abnehmen. Dem gegenüber stünden wachsende Komfortansprüche beim Warmwasserbedarf sowie ein zunehmender Bedarf für die Lüftung und Kühlung von Räumen. „Das wird nicht nur die Gebäudesystemtechnik verändern, sondern auch neue Konzepte der Energieversorgung erfordern“, sagte Dr. Viessmann.
Strom und Wärme wachsen weiter zusammen
Zum einen werde sich der Trend zur Kraft-Wärme-Kopplung und damit zur Dezentralisierung der Stromerzeugung fortsetzen – Strom und Wärme wachsen weiter zusammen. Zum anderen werde man mit steigenden Anteilen fluktuierender Energieträger wie Wind und Sonne zunehmend von der bisherigen bedarfsgeführten Stromerzeugung zu einem erzeugungsgerechten Verbrauch kommen müssen. Benötigt werden dazu intelligente Systeme auf der Verbraucherseite, sogenannte „Smart Grids“. Diese müssen miteinander kommunizieren können, um Verbraucher – wie zum Beispiel Wärmepumpen – dann einzuschalten, wenn das Stromangebot groß und die Verbrauchstarife entsprechend niedrig sind.
„Diesen Anforderungen ist das heutige Stromnetz nicht gewachsen“, so Dr. Viessmann. Es fehle nicht nur an Speichertechnologien, sondern auch an Transportkapazität. Gelöst werden könne das Problem durch eine Verknüpfung von Strom- und Erdgasnetz. Während die wenigen an das Stromnetz angeschlossenen Pumpspeicherwerke den deutschen Strombedarf nur für etwa zwei Stunden decken können, verfüge das Erdgasnetz über eine Speicherkapazität von zwei Monaten sowie über die Durchleitungsfähigkeit von der Nordsee bis nach Süddeutschland, die dem Stromnetz fehlt.
Daher biete es sich an, aus überschüssigem Wind- oder Solarstrom synthetisches Methan zu erzeugen und dieses in das Gasnetz einzuspeisen. „So wird Strom zur Primärenergie und kann anstelle von importiertem Erdgas flächendeckend für die Wärmeerzeugung eingesetzt oder mit Hilfe von Gas- und Dampf-Kraftwerken bedarfsgerecht in Strom zurück gewandelt werden“, sagte Dr. Viessmann.
Auf Erdgasqualität aufbereitetes Biogas spiele eine wichtige Rolle in diesem Konzept. Biogas ist stetig verfügbar, kann daher Spitzen der Wind- und Solarstromerzeugung ausgleichen und mindert die Abhängigkeit von Energieimporten. Darüber hinaus, so Dr. Viessmann, gebe nachhaltig erzeugtes Biogas der Gasheizung eine „grüne“ Perspektive und motiviere Anlagenbetreiber zur Investition in effiziente Technik.