Was geschieht mit Polystyrol-basierten Wärmedämmsystemen beim irgendwann unumgänglichen Rückbau? Eine neue, aber noch unwirtschaftliche Recycling-Methode könnte auch strengen ökologischen Ansprüchen genügen.
Dämmen mit Polystyrol – aber wie wird es später entsorgt? Bild: mm
Das Dämmen der Außenfassade ist ein wesentlicher „Baustein“ der Wärmewende. Am häufigsten wird mit einem Anteil von 80 Prozent für Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) expandiertes Polystyrol (EPS) verwendet, umgangssprachlich auch als Styropor bekannt. Dieser preisgünstige Dämmstoff ist aber aus unterschiedlichen Gründen „umstritten“. Umweltbewusste Häuslebauer und –Sanierer fragen sich beispielsweise, was mit dem Polystyrol nach der Nutzung passiert. Kann es sinnvoll wiederverwendet recycelt werden? Oder muss es gar als Sondermüll entsorgt werden, wie die NDR-Dokureihe „45Min“ vor kurzem düster orakelte? Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik geht diesen Fragen nach.
Aufdoppeln vermeidet Abfall
Die fünfstufige Abfallhierarchie nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz besiegelt das Schicksal aller (Bau-)Stoffe am Ende ihrer Tage. Höchstes Prinzip dieser gestrengen Ordnung ist die Abfallvermeidung. Im Falle der WDVS wird durch das Aufdoppeln eines bestehenden, aber in die Jahre gekommenen oder beschädigten Dämmsystems diesem Prinzip entsprochen – es wird einfach eine neue Dämmschicht auf die alte aufgetragen. Hält derzeit ein WDVS mindestens 25 Jahre, kann die Lebensdauer durch das Aufdoppeln auf 40 bis 120 Jahre verlängert werden.
Energetische Verwertung
Ist der Rückbau unumgänglich, kann das zu entsorgende Styropor in einem Müllheizkraftwerk energetisch verwertet werden. Das ist durchaus sinnvoll, so die Studie: Styropor hat einen mit Heizöl vergleichbaren Heizwert von 38 MJ/kg. Zwei Drittel des EPS-Abfalls werden gegenwärtig energetisch verwertet. Allerdings wird beim Verbrennen auch Kohlendioxyd freigesetzt – das ist sicher nicht im Sinne der Energiewende und dürfte klimasensible Käufer vergrämen.
Aus alt mach neu
Aus ökologischer Sicht am sinnvollsten wäre es, das alte Polystyrol in qualitativ genauso hochwertiges neues zu recyclen. Derzeit ist das wirtschaftlich noch nicht möglich. Die Fraunhofer-Institute für Bauphysik (IBP) und für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) stellen in der Studie aber eine neue Methode vor: „Eine technische, jedoch noch nicht kommerzielle Möglichkeit zur Rezyklierung von Polystyrol aus EPS-Abfällen stellt die selektive Extraktion in Form des CreaSolv®-Verfahrens dar. Mit diesem Verfahren ist nicht nur eine stoffliche Verwertung des Polystyrols möglich, sondern auch die Ausschleusung des bromierten Flammschutzmittels HBCD. Zusätzlich könnte hier eine Rückgewinnung des Rohstoffs Brom möglich sein. Die Qualität der Rezyklate, die mit dem CreaSolv®-Verfahren rückgewonnen werden, entspricht der von synthetisch hergestelltem Polystyrol“, heißt es in der aktuellen Studie. Das Verfahren werde sich aber in naher Zukunft rechnen, da voraussichtlich jährlich immer mehr EPS-Abfälle anfallen werden.
Schnelltest für HBCD auf der (Rück-)Baustelle
Auch wegen des als schädlich eingestuften Flammschutzmittels HBCD stehen EPS-basierte Dämmsysteme in der Kritik. Das Mittel wird inzwischen durch PolyFR ersetzt. Für einen optimalen Recycling-Prozess ist es aber unabdingbar, HBCD-haltige Ausgangsprodukte wenn möglich schon auf der (Rück-)Baustelle, spätestens aber beim Verwerter zu identifizieren. Dafür hat das Fraunhofer-Institut IVV zusammen mit der BASF einen neuen und sicheren Schnelltest für flammgeschützte Polystyrolschäume entwickelt. Bei Altbausanierungen oder Rückbauprojekten identifiziert das Messgerät direkt vor Ort HBCD-haltige und PolyFR-haltige Polystyrole. So kann der beste Verwertungsweg für die Bauabfälle gewählt werden.
Link zu der Studie
Rückbau, Recycling und Verwertung von WDVS