Selbst moderne Neubauten weisen oft eklatante Schwächen bei der Wärmedämmung auf. Auf die energietechnischen Achillesfersen beim Hausbau - vor allem schlecht oder ungenügend abgedichtete Fugen bei den Mauerwerksanschlüssen im Dachbereich sowie bei Fenstern, Türen und Rolladenkästen - hat jetzt Ronald Meyer vom "Impulsprogramm Hessen" hingewiesen.
Nach seinen Angaben kann selbst durch nur einen Millimeter schmale Fugen so viel Wärme entweichen, daß sich der Gesamtdämmwert des Gebäudes um 80 Prozent verschlechtert. Das vom Land Hessen mit jährlich 750 000 Euro finanzierte Impulsprogramm versucht daher seit 1996, Bauherren, Handwerker und Immobilienbesitzer auf die Schwachstellen in der Isolierung der Gebäudehüllen aufmerksam zu machen.
Das Sanierungspotential ist enorm: Nach offiziellen Angaben könnten von den rund 34 Millionen Wohneinheiten in Deutschland rund zwei Drittel energetisch modernisiert werden. Dem stehe jedoch ein "erschreckend geringes Wissen und Interesse" bei den unmittelbar am Bau beteiligten Handwerkern und Bauträgern gegenüber, berichtet Meyer. Das erscheint um so unverständlicher, als die seit 1995 gültige. Wärmeschutzverordnung die "Luftdichtheit" eines Neubaus zwingend vorschreibt. Würden diese Vorschriften nicht beachtet und bei der Wärmedämmung geschlampt, so hafte das Bauunternehmen für diesen "versteckten Mangel" bis zu 30 Jahre lang, sagt Meyer.
In der Praxis stellen freilich (bislang) nur wenige Hauseigentümer Regreßforderungen. Das könnte sich aber rasch ändern, denn mit Hilfe des sogenannten "Blower-Door-Tests" läßt sich mit verhältnismäßig geringem technischen Aufwand die Luftdichtigkeit eines Hauses und damit seine Wärmedämmqualität messen.
Der Testaufbau ist simpel: Sämtliche baulichen Öffnungen (Fenster, Außentüren) werden geschlossen, alle Innentüren hingegen geöffnet. Dann wird im Inneren des Hauses ein Unterdruck von 50 Pascal aufgebaut. Dieser Druck entspricht einer Windgeschwindigkeit von neun Meter in der Sekunde oder knapp Windstärke 5. Dazu saugt ein in einer Außentür angebrachter, großdimensionierter Ventilator ständig Luft ins Freie. Die Luftmenge, die in einer Stunde durch den Ventilator von innen nach außen strömt, wird gemessen. Sie ergibt den "n50-Wert", mit dem die Dichtigkeit eines Gebäudes qualifiziert werden kann. Übersteigt die transportierte Luftmenge das eigentliche Gebäudevolumen, so handelt es sich dabei um Luft, die während des Tests durch undichte Fugen oder andere Lecks in der Gebäudehülle ins Haus nachgeströmt ist. Mit künstlichem Rauch lassen sich diese Kriechströme lokalisieren und visualisieren. Die Kosten für den "Blower-Door-Test" bei einem Einfamilienhaus beziffern sich auf etwa 350 Euro.
Möglich ist auch die thermographische Erfassung dieser Luftströmungen. Steht die Kamera im Innern des unter Unterdruck gesetzten Hauses, so erscheint die von außen einströmende kalte Luft auf dem Wärmebild als blaue Fahne. Wird die Kamera hingegen vor dem Haus plaziert und im Gebäude ein Überdruck von 50 Pascal aufgebaut, so bläst warme, "rote" Innenluft durch die undichten Fugen nach außen.
Dass die Welt am Bau nicht aus den Fugen geraten muß, solange Architekten, Planer und Handwerker auf die korrekte Bauausführung achten und dringen, zeigte Bauingenieur Jan-Dirk Müller-Seidler vom Darmstädter Ingenieurbüro für Hoch- und Tiefbau am Beispiel des Neubauprojekts im Darmstädter Rosengarten. Die dort geplanten Ein- und Mehrfamilien-Reihenhäuser werden während ihrer Bauzeit systematisch auf korrekte Wärmeschutzdämmung hin überwacht. Die Kontrolle zahlt sich aus: Bei Messungen an einem der ersten fertiggestellten Häuser wurde eine deutlich erhöhte Luftwechselrate festgestellt. In jeder Stunde wurde das gesamte Luftvolumen des Gebäudes fünfmal ausgetauscht - indem die aufwendig erwärmte Innenluft durch undichte Stellen in der Gebäudehülle nach draußen entwich und kalte Frischluft nachströmte. Durch Thermographie und einen BlowerDoor-Test wurde die Fehlerquelle lokalisiert: Beim Einbau der Fenster waren falsche Dichtungsbänder verwendet worden. Nach deren Austausch sank die Luftwechselrate auf den angepeilten, deutlich niedrigeren Wert von eins. Aus wärmeschutztechnischer Sicht ist dieser Wert ideal: Im Gebäudeinneren entstehende Feuchtigkeit kann zwar entweichen, nimmt aber nicht ungebührlich viel Heizwärme mit.
Die oft geäußerte Kritik, fugendichte Gebäude könnten bei ihren Bewohnern gesundheitliche Schäden verursachen, teilt Ronald Meyer nicht. Im Gegenteil: Um die Frischluftzufuhr sicherzustellen, reiche auch eine relativ niedrige Luftwechselrate aus. Zudem verhindere der reduzierte Luftverkehr unangenehme Zugerscheinungen in den Wohnräumen.
Obwohl die seit Februar dieses Jahres geltende Energieeinsparverordnung einen Blower-Door-Test für Neubauten nicht vorschreibt, hält ihn Meyer für dringend empfehlenswert. Gerade private Häuslebauer sollten vor der Abnahme ihres neuen Eigenheims auf einer solchen Druckprüfung bestehen. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen: Wird ein solcher Wärmeschutznachweis geführt, unterstützt Vater Staat das Bauvorhaben mit zinsgünstigen Darlehen.