Die meisten Legionellose-Erkrankungen in den letzten Jahren wurden durch Verdunstungskühlanlagen verursacht. Für die besteht aber weder ein Kataster noch eine Meldepflicht. Das erschwert die Infektionsbekämpfung. Die neue 42. Bundes-Immissionsschutz-Verordnung soll das jetzt ändern.
Tolerantere Legionellen-Werte sind laut Referentenentwurf für die Giganten unter den Kühltürmen geplant. Quelle: BMUB Es gibt ja Menschen, die glauben nicht an Zufall. Diesen Glauben bestätigen gerade zwei parallele Ereignisse: Anfang März lud das Umweltministerium in Berlin diverse Verbände zu einer Anhörung. Thema war die geplante Verdunstungskühlanlagen-Verordnung, amtlich, der Entwurf der 42. Bundes-Immissionsschutz-Verordnung. Konkret geht es dabei um den hygienisch einwandfreien Betrieb dieser Kühlanlagen.
Just zur gleichen Zeit kämpfte Bremen gegen einen akuten Ausbruch von Legionellose mit aktuell 26 Erkrankten. Leider sind bis dato auch vier Tote zu beklagen. Da Duschen, Whirlpools oder Saunen im Umfeld der Erkrankten als Infektionsherd ausschieden, stehen jetzt auch hier eben diese Rückkühlanlagen im Fokus. Bis heute (21.04.2016) März identifizierte der extra für die akute Infektionswelle eingerichtete Krisenstab, auch mit Luftbildern, 118 Anlagen von 55 Unternehmen und 22 weitere mögliche Quellen wie Hafenbecken, Wasserzüge und ein Klärwerk. Gleichzeitig griff die Gewerbeaufsicht des Landes Bremen zu einer drastischen Maßnahme: Sie fordert alle Betreiber von Rückkühlwerken und Nass-Verdunstungsanlagen auf, diese umgehend zu melden, bei Androhung eines Bußgeldes von bis zu 50.000 Euro. Bisher allerdings wurde kein Betrieb mit Bußgeld belegt.
Inzwischen erklärt die Bremer Gesundheitsbehörde das Ender des jüngsten Legionellenausbruchs. Seit einem Monat seien keine neuen Erkrankungen mehr aufgetreten. Und die Infektionsquelle ist weiterhin unbekannt.
Ja, wo kühlen sie denn…
Ein Grund für die lange und bisher vergebliche Suche nach dem Infektionsherd mag sein, dass niemand weiß, wie viele dieser Anlagen es überhaupt gibt und wo sie stehen – es existiert dafür deutschlandweit weder ein Kataster noch eine Meldepflicht. Schätzungen zur Anzahl sind extrem gespreizt – sie reichen von 60.000 bis zu einer Million… Wobei sich wohl die erste Zahl auf Kühltürme ab einer bestimmten Höhe, die zweite hingegen auf Verdunstungskühlanlagen inklusive der Kühltürme bezieht. Beide Zahlen stammen aus Veröffentlichungen des VDI.
Und da kommt die Anhörung in Berlin ins Spiel. Diverse Verbände und Bundesländer fordern schon länger eine Meldepflicht für Kühlanlagen, die jetzt per Verordnung etabliert werden soll. Wird aber auch Zeit, möchte man sagen, nachdem in den letzten Jahren hauptsächlich solche Kühlanlagen als Infektionquellen identifiziert wurden. Eine interessante Ausnahme machen hier die bis 200 Meter hohen Giganten unter den Verdunstungskühlanlagen, die Naturzugkühltürme mit mehr als 200 MW thermischer Leistung. Sie wurden weltweit noch niemals als Quelle einer Infektion identifiziert. Ob sie wohl deshalb, laut Entwurf der Verordnung, eine fünfmal höhere Legionellenkonzentration aufweisen dürfen als alle anderen Verdunstungskühlanlagen oder Nassabscheider?
Warum erkranken die Menschen eigentlich nicht ständig an Legionellose?
Der vorliegende Entwurf verlangt nun von den Betreibern die Meldung von bestehenden und neuen Verdunstungskühlanlagen, Nassabscheidern und Naturzugkühltürmen. Das wird künftig die Suche nach infektiösen Quellen erleichtern und vor allem beschleunigen.
Bei der gesundheitlichen Gefährdung durch Legionellen, auch durch die vermutete hohe Dunkelziffern, hat der folgende Gedanke aber etwas Tröstliches: „Warum sind wir bei 60.000 Anlagen nicht alle ständig krank? Jeder Mensch in Deutschland – zumal in Ballungszentren – kann davon ausgehen, im Einzugsbereich von Verdunstungskühlanlagen zu leben. Dass wir trotzdem nur recht selten Ausbrüche von Legionellen-Pneumonien haben, zeigt deutlich, dass die Risiken dieser Technologie beherrschbar sind, vorausgesetzt, der Betreiber einer Anlage schaut stets und ständig genau hin und unternimmt alles Nötige“, heißt es im Blog des VDI zum aktuellen Legionellen-Ausbruch in Bremen.