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News vom 13.04.2026

Warum ein Qualitätsschornstein im Neubau mehr ist als eine Notoption

Ein Schornstein ist das Rückgrat der Haustechnik

Die Debatte über Resilienz, Stromengpässe und Versorgungssicherheit wird meist energetisch geführt – selten baulich. Dabei entscheidet sich die langfristige Handlungsfähigkeit eines Gebäudes oft schon im Moment der Planung. Soll ein Neubau ausschließlich elektrisch konzipiert sein oder bewusst technologisch offen bleiben?

Jürgen Böhm <br />Bild: Europäische Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft e.V. <br /><br /><br />
Jürgen Böhm
Bild: Europäische Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft e.V.


Ein Gespräch mit Jürgen Böhm, Vorstandsmitglied der Europäische Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft (EFA) und dort zuständig für den Bereich Abgasanlagen.

Personenkasten

Jürgen Böhm Vorstandsmitglied, Europäische Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft (EFA), zuständig für den Bereich Abgasanlagen, Vertriebsleiter im Bereich Schornsteinsysteme bei der Firma Erlus AG, langjährige Erfahrung in Systemintegration und Marktentwicklung moderner Abgasanlagen

Herr Böhm, Norwegen schreibt bei bestimmten Neubauten einen Schornstein vor, um eine stromunabhängige Wärmequelle vorzuhalten. Ist das aus Ihrer Sicht ein sinnvolles Instrument zur Stärkung der Resilienz im Gebäudebereich?

Jürgen Böhm: Man muss zunächst sauber einordnen, was Norwegen tatsächlich regelt. Dort besteht bei Neubauten die Verpflichtung, neben rein elektrischen Heizlösungen eine alternative, nicht-elektrische Wärmequelle vorzusehen. Klimatisch motiviert ergibt sich aus den dortigen Rahmenbedingungen ein größeres Bewusstsein zur Beheizungssicherheit wie in Deutschland. Der dahinterliegende Gedanke ist durchaus diskussionswürdig – auch bei uns. Wenn ich ein Gebäude für fünfzig oder sechzig Jahre plane, sollte ich mir überlegen, ob ich es vollständig von einer einzigen Energieform abhängig machen möchte. Genau an dieser Stelle kommt der Schornstein ins Spiel. Er ist keine nostalgische Reminiszenz, sondern eine planerische Option, die langfristige Flexibilität sichert.

In Deutschland sprechen wir zunehmend über Versorgungssicherheit und Resilienz gegenüber Strom- oder Gasknappheit. Welche Rolle können Abgasanlagen und vorbereitete Schornsteinsysteme in einem solchen Gesamtkonzept realistisch spielen?

Jürgen Böhm: Zunächst muss man zwischen der Resilienz eines einzelnen Gebäudes und der Stabilität des Energiesystems insgesamt unterscheiden. Auf Gebäudeebene bedeutet Resilienz, dass ich handlungsfähig bleibe, wenn Strom oder Gas zeitweise nicht zur Verfügung stehen. Und hier sage ich ganz bewusst: Ein Schornstein ist die energetische Lebensversicherung eines Gebäudes. Er ist das Rückgrat der Haustechnik. Wenn dieses Rückgrat fehlt, sind die Optionen stark eingeschränkt.

Mit einer hochwertigen Schornsteinanlage halte ich mir bewusst die Möglichkeit offen, auch später noch eine Feuerstätte anzuschließen oder das Heizkonzept zu ergänzen. Ich zwinge niemanden, sofort einen Ofen zu betreiben. Aber ich schließe diese Option nicht aus. Auf Systemebene kommt hinzu, dass dezentrale Feuerstätten in Lastspitzenzeiten das Stromnetz entlasten können. Wenn viele Gebäude theoretisch die Möglichkeit besitzen, von elektrischer Wärmeerzeugung auf eine alternative Lösung zu wechseln, erhöht das die Stabilität des Gesamtsystems. Das ist kein Ersatz für Infrastruktur, aber ein stabilisierender Faktor.

Der Begriff „Notschornstein“ klingt zugespitzt und technisch unsauber. Sie haben darauf hingewiesen, dass Pflichtlösungen problematisch sein können. Wo liegt aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen sinnvoller Vorsorge und bloßer Symbolpolitik?

Jürgen Böhm: Der Begriff „Notschornstein“ greift aus meiner Sicht zu kurz, weil er das Bauteil ausschließlich mit einer Krisensituation verknüpft. Ein moderner Schornstein ist jedoch kein Krisenaccessoire, sondern Bestandteil einer langfristigen Gebäudestrategie. Symbolpolitik beginnt dort, wo man etwas formell vorschreibt, das technisch gar nicht sinnvoll nutzbar ist. Ein halbherziger oder konstruktiv untauglicher Schacht mag auf dem Papier existieren, schafft aber keine echte Handlungsfähigkeit. Sinnvolle Vorsorge bedeutet, von Anfang an ein qualitativ hochwertiges, zukunftsfähiges Schornsteinsystem einzuplanen, das flexibel auf unterschiedliche Heizkonzepte reagieren kann.

Wenn wir Resilienz ernst nehmen: Welche baulichen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit eine stromunabhängige Wärmequelle im Ernstfall tatsächlich sicher und praktikabel betrieben werden kann?

Jürgen Böhm: An erster Stelle steht die Sicherheit. Abgase müssen zuverlässig abgeführt werden, das ist eine bauphysikalische und normative Grundanforderung. Eine fachgerecht geplante, geprüfte Schornsteinanlage gewährleistet genau das. Und man muss ehrlich sagen: Ein Schornstein allein genügt nicht. Wer im Ernstfall heizen möchte, braucht auch eine betriebsbereite Feuerstätte. Moderne Feuerstätten sind emissionsarm und alltagstauglich, sodass sie regulär betrieben werden kann. Resilienz entsteht nicht durch provisorische Maßnahmen, sondern durch integrierte, geprüfte Systeme.

Resilienz bedeutet nicht nur Technik, sondern auch Akzeptanz und Nutzbarkeit. Wie wichtig ist es, dass solche Lösungen alltagstauglich sind und nicht nur als seltene Notoption gedacht werden?

Jürgen Böhm: Alltagstauglichkeit ist zentral und nicht nur eine rein theoretische Notfalllösung. Klar muss sein wo die Feuerstätte herkommen soll, wenn sie spontan gebraucht wird. Eine moderne Feuerstätte, die ergänzend zur Zentralheizung eingesetzt werden kann, schafft Routine und Akzeptanz. Sie kann Lastspitzen abfedern und im Bedarfsfall kurzfristig eine tragende Rolle übernehmen. Resilienz entsteht im gelebten Betrieb, nicht im Ausnahmezustand.

Sie sind Vorstandsmitglied der Europäischen Feuerstätten Arbeitsgemeinschaft und dort für den Bereich Abgasanlagen zuständig. Welche Rolle spielt der Resilienz- und Versorgungssicherheitsgedanke in den strategischen Überlegungen Ihres Verbandes?

Jürgen Böhm: In der EFA ist klar, dass Ofen und Schornstein technisch untrennbar zusammengehören. Eine Feuerstätte funktioniert nur mit einer geeigneten Abgasanlage. Deshalb betrachten wir Resilienz nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel von Gebäudetechnik, Bauplanung und Energieinfrastruktur. Unsere Aufgabe als Verband ist es, darauf hinzuweisen, dass Gebäude so errichtet werden sollten, dass eine Feuerstätte technisch sauber integriert werden kann. Technologische Offenheit und langfristige Handlungsfähigkeit sind feste Bestandteile unserer strategischen Ausrichtung.

Angenommen, es gäbe politische Überlegungen, die bauliche Vorsorge für stromunabhängige Wärme stärker zu verankern: Wie müsste eine intelligente und praxisnahe Regelung aussehen, damit sie Versorgungssicherheit stärkt, ohne unnötige Kosten oder Fehlanreize zu erzeugen?

Jürgen Böhm: Wenn wir über Zukunftsfähigkeit sprechen, dann dürfen wir Bauherren und Bauherrinnen mit dieser Entscheidung nicht alleinlassen. Es braucht eine kluge Flankierung, die dazu ermutigt, den Schornstein von Beginn an als resilienten Bestandteil eines modernen Gebäudes mitzudenken. Das kann über gezielte Informationsangebote geschehen, über eine sachliche Einordnung im Rahmen der Energieberatung und nicht zuletzt über eine sinnvolle finanzielle Unterstützung – etwa in Form von Förderbausteinen oder Anreizen im Neubau, die technologieoffene Vorsorge honorieren, statt sie als entbehrlichen Luxus zu behandeln.

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