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News vom 27.08.2004

Nie mehr billiges Öl


Präsident der Bundesanstalt für Rohstoffe spricht von "historischem Wendepunkt".

Die weltweite Ölproduktion werde sich schon bald nicht mehr steigern lassen, sagt der Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Friedrich-Wilhelm Wellmer, in der ZEIT. "Wir nähern uns unerbittlich dem Fördermaximum." Bei konventionellem Erdöl werde das Fördermaximum zwischen 2015 und 2020 erreicht. Dies sei "ein historischer Wendepunkt", der "im Grunde unmittelbar bevorstehe."

Im Vergleich zu den Preissteigerungen von Kupfer, Eisenerz und Kohle bezeichnet Wellmer die jüngsten Ölpreissteigerungen zwar als "moderat", doch sollten sich Verbraucher und Politiker auf dauerhaft teures Öl einstellen. "Die Zeit des billigen Öls ist vorbei", erklärt Wellmer. Zwar sei er zuversichtlich, dass die Verbraucher von "wirklich fürchterlichen Preisausschlägen" verschont blieben, aber "unmöglich" sei ein Ölpreis von 80 oder 100 Dollar pro Fass nicht.



Für DIE ZEIT führte Fritz Vorholz ein Interview mit Friedrich-Wilhelm Wellmer, erschienen in DIE ZEIT Nr.36 vom 26.August 2004:


Nicht leere Lagerstätten, sondern zu geringe Förderungskapazitäten lassen den Preis des Erdöls steigen, sagt der Geowissenschaftler Friedrich Wilhelm Wellmer

DIE ZEIT: Herr Wellmer, Benzin und Diesel sind sündhaft teuer. Geht uns das Öl aus?

Friedrich-Wilhelm Wellmer: Kurzfristig natürlich nicht. Zwar sind die Ölvorräte in der Erdkruste begrenzt. Irgendwann wird nichts mehr da sein. Aber von diesem Zeitpunkt sind wir noch weit entfernt.

ZEIT: Noch 43 Jahre, wenn Ihre Statistik stimmt.

Wellmer: Vorsicht! 43 Jahre beträgt zwar die so genannte statische Reichweite des Erdöls, da haben Sie Recht. Das ist aber nur eine Momentaufnahme. Tatsächlich besagt die magische Reichweitenziffer nur eins: Bei gegenwärtigem Verbrauch reichen die heute bekannten Ölreserven rein rechnerisch noch für 43 Jahre. In Wirklichkeit aber wachsen die Ölreserven, weil der technische Fortschritt die Ausbeutung von Vorkommen ermöglicht, die früher unerreichbar waren. Zum Beispiel können wir heute Erdöl aus 2000 Meter unter dem Meeresspiegel fördern. Daran war vor 30 Jahren überhaupt nicht zu denken.

ZEIT: Erleben wir denn nicht schon, dass die weltweite Ölförderung mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten kann?

Wellmer: Richtig. Aber es ist nicht der Mangel an Ölreserven, der die Preise hat steigen lassen, sondern der Mangel an Förderanlagen. Dieser Mangel und die steigende Ölnachfrage, vor allem aus China, haben den Markt aus dem Gleichgewicht gebracht. Es hakt also an der Technik, nicht an vermeintlich leer gepumpten Lagerstätten.

ZEIT: Wirklich? Die größten Ölfelder der Erde geben schon seit Jahren immer weniger her. Gleichzeitig werden immer weniger neue große Vorkommen entdeckt. Sind das nicht eher bedrohliche Zeichen?

Wellmer: Jeder Rohstoff und jedes Rohstofflager durchläuft einen typischen Lebenszyklus: Zunächst steigt die Förderung, dann verharrt sie auf einem Plateau, um anschließend zu sinken. Dieses Abflachen der Förderung beobachten wir tatsächlich schon bei vielen Ölfeldern - in den USA, in der Nordsee und zunehmend auch anderswo. Deshalb sagen wir, dass das Fördermaximum bei konventionellem Erdöl zwischen 2015 und 2020 erreicht sein wird. Die Ölproduktion wird dann nicht mehr gesteigert werden können.

ZEIT: Ein Wendepunkt ...

Wellmer: ... und zwar ein historischer ...

ZEIT: ... der uns in zehn, fünfzehn Jahren bevorsteht. Das ist nicht mehr lange.

Wellmer: Ja, die Wende steht im Grunde unmittelbar bevor. Aber es ist nun einmal so, dass immer weniger neue große Ölvorkommen entdeckt werden. Wir nähern uns unerbittlich dem Fördermaximum.

ZEIT: Die Multis beruhigen die Verbraucher mit dem Hinweis auf angeblich riesige Mengen vor allem kanadische Ölsande.

Wellmer: Die Vorräte davon sind tatsächlich riesig. Sämtliche Ölmultis verfügen auch über Konzessionen, diese Vorkommen auszubeuten. Obendrein haben sie keinerlei Explorationsrisiko, das Öl ist da. Und trotzdem wird es bisher nicht in großem Maßstab gewonnen, weil die Gewinnung teuer ist. Wenn der Ölpreis hoch bleibt oder sogar noch steigt, werden die Multis aber mit Sicherheit dort investieren. Das heißt aber eben auch: 30 Dollar pro Fass - das ist passé.

ZEIT: Müssen sich Verbraucher und Politiker auf dauerhaft teures Öl einstellen?

Wellmer: Auf jeden Fall. Die Zeit des billigen Öls ist vorbei.

ZEIT: Gegenwärtig kratzt der Ölpreis an der 50-Dollar-Marke. Wird Öl noch teurer?

Wellmer: Wenn ich das wüsste, wäre ich längst Multimillionär. Aber im Ernst: Die Preissteigerungen beim Erdöl, waren bisher für die Rohstoffwelt moderat. Die Preise fur andere Rohstoffe - zum Beispiel Kupfer, Eisenerz und Kohle - sind stärker gestiegen, zum Teil um mehr als das Dreifache. Der Ölpreis hat sich dagegen noch nicht einmal verdoppelt. Das ist zwar unbequem genug, aber in der Rohstoffwelt ist so ein Anstieg nicht ungewöhnlich.

ZEIT: Bisher.

Wellmer: Ja, bisher. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft vor wirklich fürchterlichen Preisausschlägen verschont bleiben. Die Opec, die noch über große Reserven verfügt, kann daran kein Interesse haben, weil die Verbraucher dann, lassen Sie es mich so sagen, aus dem Öl flüchten würden.

ZEIT: Mit 80 oder 100 Dollar pro Barrel müssen wir also nicht rechnen?

Wellmer: Ich halte das nicht für wahrscheinlich. Unmöglich ist allerdings auch das nicht.

Professor Friedrich-Wilhelm Wellmer ist Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover.

Das Interview wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von DIE ZEIT, Hamburg

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