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News vom 01.10.2004

Beachtliche Zuwachsraten bei alternativen Energien in osteuropäischen Ländern

Hohe Marktchancen deutscher Unternehmen.

Die grüne Welle hat endgültig den Osten des Kontinents erreicht. Mit ehrgeizigen Plänen zur Stromerzeugung aus alternativen Quellen, beispielsweise über die energetische Nutzung von Biomasse, melden sich mittlerweile alle neuen und angehenden EU-Staaten Mittel- und Osteuropas zu Wort. So will Polen als größtes Neumitglied bis 2010 laut einem nationalen Plan 7,5 Prozent seines Elektroenergieverbrauches über regenerative Ressourcen abdecken; 2020 sollen es sogar 14 Prozent sein. Zum Teil noch weit darüber liegen analoge Vorhaben bis 2010 in Lettland (49,3), der Slowakei (33,6), Slowenien (31). Deutliche Sprünge bei der Nutzung von Biomasse, Wind-, Sonnen- und Wasserkraft sowie Erdwärme bis zum Ende des Jahrzehnts planen auch Tschechien (auf 8 Prozent), Litauen (7), Estland (5,1) und Ungarn (3,6).

Sämtliche dieser Länder hätten bereits entsprechende Fördermaßnahmen beschlossen, informiert der Dresdner Bioenergie-Experte Dr. Markus Reichel, der mit seiner Firma INERCONSULT die umweltpolitische Entwicklung in Mittel- und Osteuropa verfolgt und dieses Insiderwissen auch zur Leipziger Energiemesse enertec vom 8. bis 11. März 2005 präsentieren wird. Als Beispiele nennt Reichel garantierte Abnahmepreise sowie "Grüne Fonds" zur Finanzierung solcher Projekte. In Tschechen und Litauen existierten zudem Programme zur Förderung des Einsatzes von Biotreibstoffen, in Slowenien regele dies bereits ein Gesetz, so der Fachmann.

Damit eröffnet sich in diesen Ländern nach Ansicht aller Marktbeobachter ein gewaltiger Markt für Know-how und Technik aus dem Westen. Dr. Stephan Schwarzer, Abteilungsleiter für Umwelt- und Infrastrukturpolitik bei der Wirtschaftskammer Österreich, spricht diesbezüglich von "sieben fetten Jahren", die namentlich in Slowenien, Ungarn, der Slowakei, Tschechien sowie Polen bereits begonnen hätten. Nach seiner Einschätzung entfällt dabei ein hoher Investitionsbedarf auf Anlagen zur Ausbeutung regenerativer Energiequellen. In der Slowakei, Slowenien, Polen und Rumänien betreffe dies vor allem die Biomassenutzung, in Bulgarien, Slowenien und Kroatien auch Kleinwasserkraftwerke und in Tschechien zunehmend die Windkraft. Mit umgerechnet 9,38 Cent je kWh zahle Prag hier bereits höhere Einspeisetarife als etwa Österreich.

Polen lenkt dagegen ein besonders Augenmerk auf die Strom- und Wärmegewinnung aus Biomasse und Biogas. "Insbesondere die Beschickung der Fernheizungssysteme und Heizkraftwerke mit Holz, Holzabfällen und Biogas wird deutlich zunehmen", ist der Warschauer Energieexperte Dr.-Ing. Stanislaw Derlatka überzeugt. Ganze Städte und Regionen würden künftig Energie und Wärme aus Kesseln beziehen, in denen Biomasse veredelt wird, darunter auch Sägemehl und Holzspäne. Denn laut offiziellen Statistiken produziert Polens Holzindustrie jährlich 9,4 Millionen Kubikmeter Holzabfälle, die polnische Landwirtschaft zudem 25 Millionen Tonnen Stroh und 12 Millionen Tonnen Heu. Im staatli-chen Forstsektor werden darüber hinaus mangels Nachfrage rund zwei bis 2,5 Millionen Kubikmeter Holz jährlich nicht gefällt.

Biomasse-Energieerzeugung: 800-fache Steigerung von 2001 bis 2010 in Polen
Polens nationaler Biomassefachverband kalkuliert deshalb mit einem momentanen energetischen Potential bei Holz von 31 Terawattstunden (TWh), bei agrarischen Nutzpflanzen von 31 TWh und bei Deponiegas von 38 TWh. Bis 2010 soll sich in Polen auf diesem Wege die Energiegewinnung aus Biomasse gegenüber 2001 um das 800-fache erhöht haben. Ein Garant dafür bestehe darin, so der Verband, dass in Polen für wenig Geld Holzabfälle auf dem Markt erhaltbar seien. Zunächst erfordere dies aber einen immensen Technologietransfer in seinem Land, betont Derlatka. Nach seiner Überzeugung werde dabei ein beträchtlicher Teil aus Deutschland kommen, wobei polnische Firmen vor allem an Partnerschaften mit ausländischen Anbietern interessiert seien, beispielsweise in Form von Joint-Ventures.

Auch finanziell sind die Weichen für die Vorhaben offenkundig gestellt. Zum einen fördert die EU zwischen 2003 und 2006 Investitionen in Polens Sektor für erneuerbare Energien mit 540 Millionen Euro, zum anderen stellen gegenwärtig sowohl der Staat als auch private Unternehmen hohe Summen zur Ausweitung dieses Energiesektors bereit. Laut Derlatka hat Polen effektive Finanzierungsinstrumente wie Steuern und Abgaben entwickelt, mit denen es 95 Prozent aller Umweltausgaben selbst trägt. Auch über die internationale Stiftung Ekofundusz flössen ansehnliche Mittel ins Land. Damit werde auch bei der Nutzung von Solarenergie sowie den in Polen sehr reichlich vorhandenen geothermischen Wasservorkommen ein Quantensprung erwartet. Nach Schätzungen von Experten könnten eines Tages erneuerbare Ressourcen die gesamte Energienachfrage des Landes decken.

Slowakei: Förderung energetischer Agrokulturen
Auch in der Slowakei gewinnt die energetische Nutzung von Biomasse deutlich an Gewicht. Die Regierung kündigte an, vor allem für den Anbau "energetischer Agrokulturen" die ökonomischen Rahmenbedingungen spürbar zu verbessern. Für ausländische Lieferanten von speziellen Kesselanlagen und anderen Ausrüstungen dürften sich somit in absehbarer Zeit einige interessante Absatzchancen ergeben, heißt es dazu bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) in Köln.

In Slowenien ist mittlerweile gesetzlich geregelt, dass ein halbes Prozent des BIP in Umweltinvestitionen fließt. Mit einem Anteil erneuerbarer Energieträger von 8,1 Prozent am Primärenergieaufkommen gehört das Land bereits zum europäischen Spitzen-Sextett. Bis 2010 soll sich allein die energetische Nutzung von Biomasse auf zehn Prozent erhöhen. Hierzu plant Ljubljana 50 Fernwärmeprojekte auf Basis von fester Biomasse, vor allem Holz. Gegenwärtig erfolgen hierfür die Ausschreibungen. Neue Regelungen beschränken ab 2007 auch den Gülleaustrag und die Behandlung landwirtschaftlicher Abfälle. Darüber hinaus bieten die traditionell stark entwickelte Hopfenproduktion und Nahrungsmittelindustrie sehr gute Möglichkeiten für die Biogas-Erzeugung aus organischen Abfällen.

Einen Zukunftsmarkt dürfen nach Sicht des Umweltbundesamtes exportorientierte deutsche Hersteller von Solaranlagen in Ungarn erwarten. Im Rahmen des Energiesparprogramms des Landes - des so genannten Szechenyi-Plans - will das Wirtschaftsministerium Investitionen zur Nutzung der Sonnenenergie finanziell fördern. Bereits 2001 wurde das Vorhaben mit 1,8 Millionen Euro unterstützt. Nach Expertenschätzungen sind in dem Land derzeit gut 50.000 Quadratmeter Solarzellen-Flächen installiert.

In Bulgarien sind einige Windkraftprojekte in Vorbereitung. Wegen der momentanen Einspeisebedingungen entstehen sie vor allem an der bulgarischen Schwarzmeerküste sowie einigen sehr exponierten Gebirgsstandorten, wo sie sich rentabel betreiben lassen. Das nationale Energiegesetz schreibt den Netzbetreibern vor, den gesamten Solarstrom abzunehmen, allerdings sind noch keine Mindestpreise festgelegt. Eine Verbesserung dieser Situation werde jedoch für die Zukunft erwartet, heißt es hierzu beim Bundesumweltamt.

Die drei Ostseeanrainer Estland, Lettland und Litauen betreiben mittlerweile einen gemeinsamen baltischen Elektrizitätsmark. Bereits im September 2001 gründeten vier Energieunternehmen aus Estland und Deutschland den Estnischen Windkraftverband. Sie unterstützen mit ihrem wirtschaftlichen Know-how die politischen Bemühungen der Tallinner Regierung zur Forcierung erneuerbarer Energiequellen. Auch Lettland will, um seine bisherige Auslandsabhängigkeit auf dem Energiesektor zu verringern, verstärkt Biomasse, Wind- und Sonnenenergie nutzen. Diesem Ziel diente auch ein gemeinsames Ausbildungsprojekt deutscher, lettischer und finnischer Partner.

Experten berichten auf der enertec über Marktperspektiven in Osteuropa
Die Leipziger Energiefachmesse enertec vom 8. bis 11. März 2005 in Leipzig legt im Rahmen ihres Schwerpunktthemas "Erneuerbare Energien" ein besonderes Gewicht auf den Bioenergie-Markt in Osteuropa. "Die Nachfrage in diesem Segment steigt immens. Auf der enertec erfahren die Unternehmen im Detail, wo und wie sie von dieser Entwicklung profitieren können", sagt Dr. Deliane Träber, Bereichsleiterin der Leipziger Messe. In Zusammenarbeit mit dem Leipziger Institut für Energetik und Umwelt sowie INERCONSULT Dresden veranstaltet die Leipziger Messe beispielsweise einen Workshop zum Thema "Bioenergie in den osteuropäischen EU-Beitrittsländern". Experten aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowenien, Tschechien und Ungarn sprechen hier über den Entwicklungsstand, Marktperspektiven sowie technologische, rechtliche und finanzielle Aspekte von ausländischen Investitionen in ihren Ländern. Der Bundesverband BioEnergie stellt auf seiner Veranstaltung Projekte im osteuropäischen Ausland vor, an denen sich deutsche Unternehmen beteiligen können.

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