Die Innenarchitektin Bettina Bickert hat dem Motto eines bekannten Möbelhauses hinterhergespürt: Was steckt hinter der Frage „Wohnst du noch oder lebst du schon?“
Innenarchitektin Bettina Bickert
Die These der Innenarchitektin: Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels und neue Lebensformen stellen ganz neue Anforderungen an die Innenarchitektur. Laut Bickert sind auch neue Badezimmer-Konzepte gefragt – vor allem sind die Zeiten der Dusche als „gläserne Telefonzelle“ vorbei.
In Ihrem Vortrag im Rahmen eines TECE-Pressegesprächs ging Frau Bickert unter anderem auf den gesellschaftlichen Wandel ein:
„Die Formen unseres Zusammenlebens haben sich geändert. Neben der typischen Familie – Vater, Mutter und zwei Kinder – haben sich neue Formen des Zusammenlebens entwickelt: Es gibt Patchworkfamilien, Alleinerziehende oder Wochenend-Ehen. Auch unsere Arbeitsgewohnheiten wandeln sich. Acht Stunden und Feierabend? Nein, wir arbeiten mittlerweile in den verschiedensten Modellen: fulltime, halbe Tage, stundenweise, mit Überstunden oder Kurzarbeit, als Zeitarbeitskraft oder freiberuflich, als Ich-AG, auf Montage oder nur am Wochenende. Wir können rund um die Uhr einkaufen, rund um den Globus reisen, per W-LAN in den entferntesten Winkeln chatten, per Handy längst nicht mehr nur telefonieren, sondern auch fotografieren, im Internet surfen und fernsehen. Traum und Wirklichkeit verschmelzen, drinnen und draußen gehen ineinander über, gewohnte Bilder sind auf den Kopf gestellt. Wir leben in einer Revolution!
Durch unsere veränderten Lebensumstände müssen sich unsere Wohnungen an die neuen Gegebenheiten, Anforderungen und den individualisierten Tagesablauf anpassen. […] Individuelle Bauweisen, veränderbare Grundrisse oder Industrielofts sind Zeichen der Zeit. Das typische Reihenhaus mit seinem immer gleichen Grundriss und dem Handtuchgarten, das uns alle in ein gleiches Leben zwingen will, wird es nicht mehr lange geben.
Neue, viel umfassendere, ganzheitliche Aufgaben kommen dadurch auf uns Planer zu. Wir werden nicht mehr nur Raumgestalter, sondern Lebensraum-Gestalter sein. […]
Auch eine Revolution im Bad? Ja! Und wir sind schon lange mittendrin. Dass Bäder nicht nur reine Nasszellen sein müssen, sondern zu Wohnbädern oder wohnlichen Bädern avancieren, haben wir grundsätzlich ja schon der Vorwandinstallation zu verdanken. Damit konnten sich die Bäder emanzipieren und entwickeln. Endlich fing das wirkliche Leben im Bad an. Endlich mussten die Funktionen wie Waschtisch, Wanne, Dusche und WC nicht mehr alle an der Wand entlang angeordnet werden. Nun können wir mit den Installationen in den Raum hineingehen – oder uns auch aus dem Raum herausbewegen. Es gibt keine Grenzen mehr! Und das ist das Stichwort: aus dem Raum herausgehen, den Raum öffnen – zum Schlafraum und sogar zum Wohnraum hin erschließen. Neue Design-Produkte, die den typischen Badezimmercharakter hinter sich gelassen haben – wie die freistehende Wanne mit Standarmatur – verbunden mit dem endlich akzeptierten Materialmix aus Fliese, atmungsaktivem Putz, Holz, Tapete und Kunststoff, lassen die Übergänge von Raum zu Raum, von Funktion zu Funktion verschwinden. Wir fangen also an, mit unserem Bad, in unserem Bad und durch unser Bad zu leben.
So wird das Bad noch mehr zum Wellness-, Erholungs-, Rekreationsbereich und zum kommunikativen Treffpunkt – als Kompensation für den stressigen Alltag und den Jobwettkampf. Nicht ausgesperrt, sondern mittendrin in unserem Lebensumfeld. […] Hier will man sich erholen, pflegen, lesen, träumen, sich informieren und Zeit verbringen. Auch das Reinigen beinhaltet einen neuen (oder alten) Körperkult und wird (wieder) zum Ritual.
Aber was ist mit der Dusche? Als ‚gläserne Telefonzelle’ engt sie bis heute kleine Bäder ein und zerstört die Optik großer Wellness- und Wohnbäder. Eingesperrt in einem Käfig aus Glas versuchen wir Morgen für Morgen, uns für den Tag frisch zu machen. Mit den neuen Duschrinnen – als Designelement bewusst eingesetzt oder nur als Spalte im Boden – können wir uns endlich auch mit der Dusche der Räumlichkeit des Raumes hingeben. Und den Regentanz tanzen! Neue Freiheiten genießen! Ein wirkliches ‚Universal-Design’ ohne Stolperkanten und hässliche Silikonfugen, das es Alten wie Jungen möglich macht, sich frei zu bewegen. Und in den kleinsten Bädern ist das Duschvergnügen ebenso möglich, wie in großen, offen gestalteten Wohn-Loft-Bädern. Der sonst abgetrennte Duschbereich wird so zur Bewegungsfläche, lässt den Raum größer und offener wirken.
Stufenlos und fugenlos fließt nun das Duschwasser ab – und damit die Bereiche Wohnen und Leben ineinander. Wohnen Sie noch oder leben Sie schon? Tanzen Sie mal unter der Dusche! Alleine, zu zweit oder gemeinsam mit den Kindern. Oder spätabends nach einem anstrengenden Tag, nach einer Geschäftsreise. Sich einfach mal berieseln lassen, ohne Barrieren, mit viel Freiraum für Körper und Geist. Wir leben schon!“