Seit dem 30. Oktober 2008 kann man seinen Spaziergang über den Berliner Schlossplatz mit einem Ausstellungsbesuch erweitern. Die temporäre Kunsthalle Berlin, eingeweiht vom Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, bietet der Stadt von außen eine Projektionsfläche und im Innern einen großen Ausstellungsraum mit Buchladen und Café. 56 Meter lang, 20 Meter breit und 11 Meter hoch: Klarer Grundriss und schlichte Form verweisen auf die Handschrift des Architekten Adolf Krischanitz.
Temporäre Kunsthalle Berlin im Oktober 2008. Copyright: Temporäre Kunsthalle Berlin, Architekt: Krischanitz ZT GmbH
Foto: Lukas Roth.
Ein Archetyp schafft Gelassenheit. Tara verbindet diesen Archetyp mit Design auf höchstem Niveau. Foto: Uwe Spoering, Copyright: Dornbracht.
Temporäre Kunsthalle Berlin, Leselounge und Foyer. Copyright: Temporäre Kunsthalle Berlin, Architekt: Krischanitz ZT GmbH, Foto: Lukas Roth.
Temporäre Kunsthalle Berlin, Restaurant
Copyright: Temporäre Kunsthalle Berlin,
Architekt: Krischanitz ZT GmbH, Foto: Lukas Roth.
Der Österreicher kann auf einige Erfahrung mit temporären und permanenten Bauten für die Kunst zurückblicken, darunter die beiden Kunsthallen für den Karlsplatz in Wien oder das Museum Rietberg in Zürich. Ort und Zeit für eine temporäre Kunsthalle sind historisch günstig: Die Mitte Berlins befindet sich in einer einmaligen Umbruchphase, die die unterschiedlichsten Momente der Stadtgeschichte freilegt und aufeinander treffen lässt. Im Norden rahmen Schinkelmuseum und Dom den klassizistischen Lustgarten ein, im Osten harren die verbliebenen Treppentürme des ehemaligen „Palast der Republik“ auf ihren Abriss. In der Mitte vom Schlossplatz ist die vorläufige Platzgestaltung mit Rasenflächen und Holzstegen teilweise fertig gestellt, darunter liegen die Grabungsstätten eines mittelalterlichen Klosters – und dazwischen öffnet sich die ungewohnte Sichtachse zum Fernsehturm. Die Kunsthalle verleiht diesem Ort nun an seinem Westrand einen neuen Haltepunkt. Zwei Jahre lang bespielt sie den Platz mit vier Fassadenentwürfen und neun Ausstellungen.
Die erste Ausstellung bestreitet die Südafrikanerin Candice Breitz. Ihre drei Video-Installationen „King“, „Queen“ und „Working Class Hero“ zeigen Fans von Michael Jackson, Madonna und John Lennon, die die Songs ihrer Stars wie beim Karaoke nachsingen. Bis zu 25 Personen sind so zusammen montiert, dass jeder Star durch ein gemeinsames Lied in einer Serie von Videoschleifen vertreten ist. Die Projektion funktioniert: Beim Zuschauen schiebt sich ein unbewusstes Moment der Identifizierung mit dem Star zwischen Besucher und den anonymen Sängern. Candice Breitz lebt seit acht Jahren in Berlin, hatte dort aber noch nie ausgestellt.
Die temporäre Kunsthalle eröffnet internationalen Künstlern wie ihr nun ein Forum und das Berliner Publikum erhält einen hervorragenden Ausstellungsraum mitten in der Stadt. Initiiert wurde das Projekt von Constanze Kleiner und Coco Kühn, später vertreten durch die Cube Kunsthalle GmbH. Finanziert wurde es von privaten Sponsoren und es steht seit der Bewilligung im Herbst 2007 unter der Schirmherrschaft des Berliner Senats. Das Projekt zeigt, dass vor allem bürgerschaftliches Engagement in Zukunft dafür sorgen kann, zeitgenössische Architektur, Kunst und Design im öffentlichen Raum präsent zu machen.
Von außen funktioniert die Halle als Farbfläche, die den Stadtraum prägt: Das Blau der aktuellen Fassadengestaltung von Gerwald Rockenschaub leuchtet kilometerweit bis zum Alexanderplatz. Umso größer die Überraschung, wenn man den tiefen und meterhohen Innenraum betritt. In diesem Kontrast liegt auch ein architektonisches Prinzip. Die Dichotomie zwischen innen und außen setzt sich in einer Gratwanderung zwischen Minimalismus und Luxus fort; die „Essenz“ dieser Architektur liegt in der Spannung zwischen einfacher Realisierung und perfektioniertem Design. Adolf Krischanitz gilt als Architekt, für den Abstraktion und Sinnlichkeit keine Widersprüche sind. Auf der einen Seite galt es, die Spontaneität der Aufgabe zu berücksichtigen, das Zeitlimit und das begrenzte Budget einzuhalten –die Halle sollte innerhalb kurzer Zeit auf- und abzubauen sein. Krischanitz entschied sich für eine vorgefertigte Holzbauweise, von innen mit Mineralwolle gefüllt und von außen mit Faserzementplatten ausgesteift, so dass der Rohbau innerhalb von drei Wochen fertig gestellt werden konnte.
Auf der anderen Seite musste man der Bedeutung des Ortes und der Kunst gerecht werden – das heißt, Luxus in Bezug auf Proportionen und Gestaltungsprinzipien. Die doppelte Axialsymmetrie und die Proportionen von 2:3 für den Ausstellungsraum und 1:2 für Höhe zu Breite verweisen auf ideale Maße der Architektur. Auch auf die Detaillierung des Tragwerks legte Krischanitz großen Wert und ließ die Diagonalstäbe der Fachwerkträger je nach Zug- und Druckbelastung schlanker oder breiter zeichnen. Luxus gilt jedoch vor allem für den gesamten Innenausbau und seine Designobjekte: hochwertige Türzargen und Fensterrahmen, sondergefertigte Fliesen im Café und Tara-Armaturen von Dornbracht für die Badinstallation.
„Tara – das ist ein Deutscher Mythos. Eine echte Setzung, an der man nichts in Frage stellen möchte,“ erklärt der Architekt auf die Frage nach der Armatur seiner Wahl. Rechts der Kreuzgriff, links der Seifenspender, in der Mitte der schlanke Wasserhahn. Tara in Schwarz matt: Die präzisen Proportionen passen zur schlichten Gestalt der Architektur. Und sie entsprechen der modernen Entwurfshaltung des Architekten. Bereits 2003 hatte Adolf Krischanitz die Tara für den Umbau des Kölnischen Kunstvereins „Die Brücke“ ausgesucht.
Ein Archetyp schafft Gelassenheit: In Kinderbüchern sind Badezimmer-Armaturen oft als Einlochbatterie mit schwenkbarem Rohrauslauf und Kreuzgriff abgebildet. Tara verbindet diesen Archetyp mit Design auf höchstem Niveau. Zwei Jahre lang hat Dornbracht - mit dem verantwortlichen Produktdesigner Michael Sieger - subtile Verfeinerungen der Armatur entwickelt, die ursprünglich 1992 von Dieter Sieger entworfen wurde. Rosetten, Körper und Auslauf sind um wenige Millimeter schlanker geworden, der Kreuzgriff um Zehntelmillimeter. Auch das Wasser fließt anders. Ein Luftsprudler sorgt für einen satteren Wasserstrahl, den man auch viel feiner dosieren kann als zuvor.
Hintergrund / Historie:
1992 brachte Dornbracht Tara auf den Markt, eine minimalistische Armatur von Sieger Design mit klarer Linienführung – präzise, schlicht und elegant. Das progressive Konzept von Tara wurde zum Archetypus der modernen Badarmatur und als solches weltweit oft kopiert und mit zahlreichen internationalen Designpreisen ausgezeichnet. Tara ist eine der erfolgreichsten Dornbracht Armaturen und begründete den Ruf des Unternehmens als richtungsweisender Hersteller hochwertiger Armaturen und Accessoires für Bad und Küche. Als modernem Klassiker wurde Tara mit „TARA. Armatur und Archetypus.“ bereits 2002 ein ganzes Buch gewidmet (erschienen im Birkhäuser Verlag).