Wie lange dauert es, um das Wissen über technische Neuerungen von den Vorreitern und Pionieren auf einen Massenmarkt zu übertragen? Wie muss sich das gesellschaftliche Umfeld verändern, damit neuen technischen Anwendungen der „Durchbruch“ gelingt? Moderne Heizungsanlagen, Belüftungs- und Beleuchtungssysteme – die Effizienzprodukte der Gebäudetechnikbranche sind inzwischen einem weiten Kreis von Architekten, Planern und Handwerkern bekannt. Das vielzitierte Diktum vom „Modernisierungsstau im Heizungszeller“ zeugt trotzdem davon, dass die politisch herbeigesehnte breite gesellschaftliche Anwendung noch aussteht.
V. l. n. r.: Christoph Singrün, VDMA Fachverband Pumpen + Systeme; Heinz-Eckard Beele, VdZ-Vorstandsmitglied; Manfred Stather, Präsident ZVSHK; Jan Mücke, Parlamentarischer Staatssekretär im BMVBS; Hermann W. Brennecke, VdZ-Präsidium; Barbara Wiedemann, VdZ-Präsidentin; Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt. Foto: VdZ
Laut Schornsteinfegerhandwerk sind rund 20 Prozent der Öl- und Gasfeuerungsanlagen in Deutschland älter als 20 Jahre und damit nicht mehr auf dem heutigen Stand der Technik. Trotzdem wollen nur wenige der sogenannten Nichtmodernisierer in den nächsten zwei Jahren ihre Heizanlage modernisieren, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der VdZ – Forum für Energieeffizienz in der Gebäudetechnik e. V. aus dem November ergab. Für den Geschäftsführer der VdZ Horst Eisenbeis bestätigt die Umfrage das Bild vom Modernisierungsstau erneut. „Es gibt einfache und leicht umsetzbare Möglichkeiten, um den Energieverbrauch zu senken“, so Eisenbeis, „sie werden bisher nur zu spärlich eingesetzt“.
Der Kongress „Innovative Gebäudetechnik – Motor für Wachstum und Beschäftigung“ Mitte November in Berlin verfolgte aus diesem Grund zwei zentrale Ziele: Erstens die Darstellung des bereits Erreichten gegenüber der politischen Öffentlichkeit in Berlin. Zweitens die Erörterung der Frage, wie die Politik ein investitionsfreundliches Klima schaffen kann. Denn nur so werden sich die Ziele hinsichtlich Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien erreichen lassen. Der Gebäudebereich ist, wie die Bundesregierung in ihrem Energiekonzept treffend festgehalten hat, der „zentrale Schlüssel zum Erreichen der Klimaschutzziele“. Außer Frage steht, dass der Gebäudetechnik eine zentrale Rolle zukommt, wenn die Energieeffizienz in diesem Bereich gesteigert werden soll.
Der erstmals ausgerichtete Kongress ist Ausdruck eines erhöhten Problembewusstseins und einer zunehmenden Kooperation der Politik gegenüber der Branche. Auf Initiative der VdZ – Forum für Energieeffizienz in der Gebäudetechnik fand die Tagung als Gemeinschaftsveranstaltung des Bundesbauministeriums BMVBS und den maßgeblichen Branchenverbänden statt. Der VdZ-Geschäftsführer Horst Eisenbeis erläutert die Verwirklichung der Veranstaltung: „Im September 2009 sind wir mit der Idee eines gemeinsamen Kongresses an das BMVBS herangetreten. Unser Ziel war eine gewinnbringende Mischung aus politischen Impulsreferaten, Bewertungen des Regierungshandelns durch die Wirtschaft und konkreten Fachvorträgen. Durch die Einbeziehung von Experten aus den unterschiedlichen Bereichen und Unternehmen wurde ein Programm geschaffen, das diesen Anforderungen gerecht wird.“
Mit Spannung von den rund 250 Kongressteilnehmern erwartet wurde der Vortrag des für den Bereich Bau zuständigen Parlamentarischen Staatssekretärs Jan Mücke aus dem BMVBS. Mücke stellte die Vision in den Raum, das sich das „energetische Bauen zum Markenkern“ der deutschen Bauwirtschaft entwickeln solle. Erreicht werden kann dieser Markenkern in den Augen des Staatssekretärs in erster Linie durch die fachübergreifende Zusammenarbeit von Architekten, Planern, Technikern und Handwerkern. Weiterhin sei eine angemessene Ausstattung der Forschungsetats in den Unternehmen nötig. Die Politik will sich aber nicht völlig der Verantwortung entziehen. Das Ministerium sei bereit für den Dialog mit allen Akteuren, um „mögliche Hemmnisse und mögliche Anreize“ für den Ausbau der Effizienztechnologien zu identifizieren, so Mücke.
Ministerialrat Peter Rathert als Vertreter der Fachebene des BMVBS führte die politischen Vorgaben seines Staatssekretärs aus. Die Kosten für Energiesparmaßnahmen müssten sich innerhalb der Lebensdauer durch eingesparte Energiekosten amortisieren, erinnerte Rathert an das Wirtschaftlichkeitsgebot aus dem Energieeinsparungsgesetz. Auch das politische Ziel, den Wärmebedarf im Gebäudebereich um 20 Prozent bis zum Jahr 2020 zu senken, sei erreichbar. Notwendig dafür ist nach Angaben des Ministerialrats allerdings eine Verfünffachung der derzeitigen Sanierungsquote.
Nach den Mittelkürzungen der Bundesregierung bei den Effizienzförderprogrammen konnte die Politik von Verbänden und Unternehmen nicht nur Lob erwarten. Offene Worte wählte Klaus Jesse, der Präsident des Bundesindustrieverbands Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik BDH. Trotz der politischen Bekenntnisse zu mehr Energieeffizienz, stellte der BDH-Präsident fest, ist der Gesamtmarkt der Wärmeerzeuger rückläufig. So verzeichnet der Einbau von Festbrennstoffkesseln aktuell einen Rückgang um 31 Prozent, die Installation von thermischen Solaranlagen ist um 26 Prozent gesunken. Den Hauptgrund für diesen Einbruch sieht Jesse nicht in erster Linie in der Finanzkrise, sondern im Zurückfahren staatlicher Förderprogramme in diesem wichtigen Bereich. Die Politik dürfe die Effizienzziele, die bis zum Jahr 2020 zu erreichen sind, nicht aus den Augen verlieren, während sie im Energiekonzept die Weichenstellung für das Jahr 2050 vornehme. Unerlässlich seien stabile Rahmenbedingungen und eine langfristige Perspektive zu mehr Energieeffizienz. Steuerliche Abschreibungen für energetische Sanierungen nannte Jesse als wichtigste Maßnahme, damit der Markt der Effizienztechnologien wieder Fahrt aufnimmt.
Auch Manfred Stather, Präsident des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima ZVSHK kritisierte die Politik. Der Verweis auf die Zukunft dürfe nicht die Ausrede für Untätigkeit in der Gegenwart sein. Die „Handwerksbetriebe als wirklichen Hersteller von Energieeffizienz“ besäßen bereits heute ein ausreichendes Potenzial, um die Effizienz im Gebäudebereich deutlich anzuheben. Angesichts von zahllosen veralteten Heizungen und ungedämmten Wasserleitungen müsse der Politik wie der Gesellschaft ein Wahrnehmungsdefizit bescheinigt werden.
Die den Kongress abschließende Podiumsdiskussion machte deutlich, dass die Regierungsfraktionen über die aktuellen Kürzungen hinausdenken. Offensichtlich wird nach neuen Wegen gesucht, um die Energieeffizienz im Gebäudebereich zu erhöhen. So sprach sich die umweltpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion Marie-Luise Dött dafür aus, den Heizungs-Check „als Feldversuch“ zu fördern. Mehr Aufmerksamkeit beim Publikum erregte aber ihre Ankündigung, dass die Regierung derzeit an steuerlichen Anreizmodellen arbeitet. Wäre doch diese Maßnahme, wie vom BDH-Präsidenten ausgeführt, ein erster Schritt, um die Verwendung von Effizienztechnologien wieder auf einen Wachstumspfad zu bringen. Sebastian Körber, baupolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, verteidigte das Regierungshandeln. Mit der Einrichtung des Energie- und Klimafonds sei es gelungen, die Förderung von Energieeffizienz und Erneuerbaren Energien haushaltsunabhängig vorantreiben zu können. Dieser Einschätzung widersprach die Sprecherin für Stadtentwicklung der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Bettina Herlitzius. Die Einnahmen speisten sich aus der politisch falschen Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke und seien extrem von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig.
Keine Einigkeit herrschte zwischen Regierung und Opposition auch bei der Frage, ob Sanierungen ordnungsrechtlich vorgeschrieben werden sollten. Dött und Körber verneinten, Herlitzius sprach sich dafür aus. Prof. Norbert Fisch von der TU Braunschweig, der vierte Diskutant, sprang der Grünen-Politikerin bei. Er hatte schon in seinem Fachvortrag unter dem Motto „Übermorgen ist schon heute“ deutlich gemacht, dass das Wissen um energieeffizientes Bauen seit langem vorhanden ist. Warum es in der Breite nicht angewendet wird, konnte aber auch der Fachmann nicht schlüssig beantworten.
Auch VdZ-Geschäftsführer Eisenbeis wagt nicht, auf diese Frage eine endgültige Antwort zu geben. „Die Entscheidung trifft letztlich der Verbraucher“, so Eisenbeis. „Deswegen werden wir in unseren künftigen Gesprächen mit der Politik auch weiterhin das Ziel verfolgen, das Angebot an den Verbraucher so attraktiv wie möglich zu gestalten ohne ihn dabei technologisch zu bevormunden.“
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