Der Nachwuchs im Handwerk verändert sich. 2025 hatten rund 16 Prozent der neuen Auszubildenden Hochschulreife, vor 20 Jahren waren es weniger als fünf Prozent. Auch im ersten Halbjahr 2026 stieg die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge weiter. Praktische Berufe gewinnen damit bei jungen Menschen an Attraktivität. Dazu tragen gute Karriereperspektiven und sichtbare Arbeitsergebnisse bei, aber auch die Aussicht, künftig mit digitalen Technologien und KI zu arbeiten.
Für Betriebe ist das eine wichtige Entwicklung. Sie löst den Fachkräftemangel jedoch nicht automatisch. Denn wer junge Menschen gewinnt, muss ihnen auch ein Arbeitsumfeld bieten, in dem sie bleiben und sich entwickeln wollen. Gerade bei Organisation, Ausbildung und Führung besteht vielerorts noch Nachholbedarf.
Nachwuchskräfte erwarten Orientierung
Wer mit digitalen Anwendungen aufgewachsen ist, sieht übersichtliche Informationen und funktionierende Prozesse als selbstverständlich an. Im Ausbildungsbetrieb zählen deshalb nicht nur moderne Geräte. Junge Beschäftigte wollen vor allem wissen, was ihre Aufgabe ist, wer bei Problemen weiterhilft und wie sie sich fachlich entwickeln können.
Im Arbeitsalltag sieht das teilweise anders aus. Arbeitszeiten landen auf Papier, Baustelleninformationen verteilen sich auf Zettel und Fahrzeuge und bei vielen Fragen muss zunächst der Betriebsinhaber eingeschaltet werden. Für langjährige Mitarbeiter mag dieses System funktionieren, weil sie die informellen Wege kennen. Ein neuer Azubi muss sie erst mühsam entschlüsseln.
Besonders problematisch wird das, wenn auch die Wissensvermittlung davon abhängt. Sind Arbeitsabläufe nicht festgehalten und Zuständigkeiten nicht eindeutig geregelt, lernen Nachwuchskräfte vor allem durch Zuruf. Dadurch dauert es länger, bis sie Aufgaben sicher und eigenständig übernehmen können.
Digitalisierung muss den Alltag vereinfachen
Abhilfe schafft nicht automatisch eine neue Software. Bevor Betriebe über KI nachdenken, sollten sie prüfen, an welchen Stellen täglich unnötiger Aufwand entsteht. Häufig betrifft das die Einsatzplanung, Auftragsbearbeitung, Arbeitszeiterfassung oder Dokumentation.
Eine zentrale digitale Auftragsakte kann beispielsweise dafür sorgen, dass Informationen nicht mehr gesucht werden müssen. Bilder und Arbeitsstände lassen sich unmittelbar auf der Baustelle erfassen, während eindeutige Prozessschritte festlegen, wie ein Auftrag vom Angebot bis zur Abrechnung bearbeitet wird.
Dabei gilt: Ein schlechter Ablauf wird durch eine App nicht besser. Zunächst müssen Verantwortlichkeiten und Arbeitsschritte sinnvoll festgelegt werden. Erst anschließend sollte entschieden werden, welche technische Lösung dazu passt. Das verhindert zugleich, dass Betriebe Geld in Anwendungen investieren, die ihre Mitarbeiter später kaum nutzen.
Mitarbeiterbindung beginnt bei der Führung
Für die langfristige Bindung junger Fachkräfte spielt zudem der Umgang im Betrieb eine zentrale Rolle. Auszubildende brauchen erreichbare Ansprechpartner, regelmäßige Rückmeldungen und Aufgaben, an denen sie wachsen können. Wer dagegen kaum weiß, was von ihm erwartet wird, verliert schnell die Orientierung.
Führung bedeutet dabei nicht, jeden Schritt zu überwachen. Vielmehr geht es darum, Verantwortung gezielt zu übertragen. Mit zunehmender Erfahrung sollten Azubis anspruchsvollere Tätigkeiten übernehmen und erkennen können, welche Perspektive sie nach ihrer Ausbildung haben.
Auch KI kann diesen Weg unterstützen. Sie eignet sich beispielsweise für die Vorbereitung von Texten und Angeboten oder als zusätzliche Hilfe bei der Informationssuche. Bei einfachen Fragen können Nachwuchskräfte dadurch zunächst selbst nach einer Lösung suchen. Die fachliche Begleitung durch erfahrene Kollegen ersetzt das allerdings nicht.
Der aktuelle Zulauf bietet Handwerksbetrieben die Möglichkeit, mehr junge Menschen für ihre Berufe zu gewinnen. Entscheidend wird jedoch sein, was nach der Vertragsunterschrift passiert. Wer nachvollziehbare Abläufe, moderne Arbeitsmittel und verlässliche Führung miteinander verbindet, erhöht die Chance, dass aus heutigen Auszubildenden die Fachkräfte von morgen werden.
Über Matthias Niehaus:
Matthias Niehaus ist Gründer und Geschäftsführer der Matthias Niehaus GmbH, die sich auf praxisnahe Digitalisierungslösungen für Handwerksbetriebe spezialisiert hat. Mit seiner eigenen Erfahrung als Handwerksunternehmer hilft er Betrieben, ihre Prozesse zu automatisieren – von der schnelleren Angebotserstellung über einfache Projektverwaltung bis zur automatisierten Buchhaltung. Statt Theorie bietet er funktionierende Systeme, die Betriebe entlasten, das Wachstum fördern und Freiräume schaffen. So unterstützt er Handwerker dabei, echte Unternehmer zu werden. Mehr Informationen unter: https://matthias-niehaus.de/