Das größte Energieeinsparpotential liegt in Deutschlands Gebäudebestand. Die Technik um es zu nutzen, ist längst vorhanden. Das gelungene Altbausanierungsprojekt des Bauherrn Dr. Ulrich Stiebel setzt hier ein Zeichen und zeigt wie heute schon für die Zukunft modernisiert werden kann.
Das Bauprojekt Schaufelder Straße 8 u. 9 vor der Sanierung im Jahr 2005. Foto: Stiebel Planungsgruppe
Die Landeshauptstadt Hannover als ehemalige Eigentümerin war bestrebt hier eine besonderes hohe städtebauliche Umsetzungsqualität mit Effekten für den regionalen Arbeitsmarkt bezüglich eingesetzter Produkte und Baudienstleistungen umzusetzen.
Im Zuge der Sanierung wurden sämtliche Sanitär- und Elektroinstallationen erneuert und ein Fahrstuhl integriert.
Zur energetischen Optimierung wurde die Außenfläche des Gebäudes durch Schließen des bisherigen Innenhofes mit einem sechsgeschossigen Atrium verringert.
Der Blick in den Technikraum auf die beiden eingesetzten Wärmepumpen.
Einen Altbau auf den heutigen Passivhausstandard zu trimmen, ist technisch derzeit durchaus machbar, wie das gelungene Projekt Schaufelder Straße jetzt nach der Modernisierung zeigt.
Um die ambitionierten Klimaschutzziele der Bundesregierung auch nur halbwegs umsetzen zu können, muss schnellstens das riesige Energieeinsparpotential in Deutschlands Gebäudebestand angepackt werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Im größten Energieverbrauchssektor - dem Wärmemarkt, wird, wie jüngst der BDH in einer neuen Studie bekannt gab, der Modernisierungsstau immer größer. Sanierungen werden hinausgezögert und Dämmungen der Gebäudehülle wurden bei baulichen Erneuerungen gar nicht oder nur ungenügend durchgeführt. Es gelten in Deutschland mehr als vier Millionen Heizungsanlagen als energetisch veraltet. Aber auch ungedämmte Heizleitungen, Dächer und Wände sowie undichte Fenster sorgen für hohe Wärmeverluste. Bei Sanierungen ist ein Neuanstrich des Putzes und höchstens ein Kesseltausch noch allzu oft der Normalfall.
"Die qualitätvolle Erneuerung und Modernisierung des Gebäudebestands ist eine unserer derzeit wichtigsten Bauaufgaben", begrüßte Lütke Daldrup unlängst die Gäste bei der Ausstellungseröffnung "Umbau im Bestand" der Wüstenrot-Stiftung in Berlin. Etwa 87 % des gesamten Energiebedarfs in privaten Haushalten wird für die Raumerwärmung und Warmwasser benötigt. Mit Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung im Jahre 1977 wurde der Wärmeschutz von Neubauten deutlich verbessert. Allerdings ist der überwiegende Teil der deutschen Wohngebäude vor 1977 gebaut worden und damit wird klar, dass in diesen Haushalten immer noch unnötig viel Energie verbraucht wird. Durch fachgerechtes Sanieren und moderne Gebäudetechnik ließen sich hier enorme Mengen einsparen.
Da Deutschland aber im Wesentlichen gebaut ist, müssen sich die Anstrengungen im Bereich der Energieeffizienz und -einsparung im Wärmemarkt deutlich mehr auf das enorme Modernisierungspotential im Bestand konzentrieren. Der BDH geht davon aus, dass sich mit einer Verdoppelung des Modernisierungstempos im Heizungsbestand und beim Wärmeschutz der Ausstoß von Kohlendioxid in Gebäuden bis 2020 um rund 30 Prozent senken ließe.
Doch geschieht in diesem Bereich derzeit einfach noch zu wenig. Umso erfreulicher sind da die wenigen ambitionierten Modernisierungsprojekte, die schon heute das Bauen der Zukunft zeigen. Das mittelständische Holzmindener Unternehmen STIEBEL ELTRON gehörte im Bereich Wärmepumpen schon zu den Pionieren. Jetzt zeigte die Stiebel Planungsgruppe Holzminden um den Bauherren Dr. Ulrich Stiebel zusammen mit dem hannoverschen Planungsbüro Passivhauskonzepte GmbH, dass man erneut zu den Wegbereitern für immer neue Entwicklungen gehört. In Hannover wurde in der Schaufelder Str. 8 und 9 die herausragende Sanierung eines 1950 wiedererrichteten Gründerzeit-Mehrfamilienhauses zu einem komfortablen Energiesparmodell realisiert. Die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) fördert mit dem Modellvorhaben „Niedrigenergiehaus im Bestand“ seit 2003 Pilotprojekte der energetischen Sanierung mit Vorbildcharakter. Besonders ambitionierte Projekte, wie etwa das des Bauherrn Dr. Stiebel, die nach der Sanierung außerordentlich innovative Standards aufzeigen, gehören den Level B-Projekten an. Sie unterschreiten die Anforderungen der Energieeinsparverordnung für einen entsprechenden Neubau um 50 Prozent.
Bei Neubauten wird etwa jedes vierte Haus nach dem der Passivhausstandard errichtet. Die Umsetzung des Passivhausstandards in der Altbausanierung ist jedoch erst am Beginn ihrer Entwicklung. Mit dem Projekt in Hannovers Nordstadt will Bauherr Dr. Stiebel innovative Möglichkeiten, wie u.a. hervorragende Wohnqualität der Passivhausbauweise, wichtige Funktion der Wohnungslüftung und auch die ausgezeichnete Eignung der Wärmepumpentechnologie aufzeigen. Spitzenwerte im Energieausweis werden dabei natürlich auch erzielt. Selbstverständlich ist die eingesetzte hocheffiziente Technik wie Lüftungsgeräte, Wärmepumpen und die Photovoltaikanlage aus dem eigenen Haus.
Die entscheidenden Schritte zur Energieeinsparung auch bei bestehenden Gebäuden liegen in einer sehr guten Wärmedämmung, Verringerung der Wärmebrücken, Erhöhung der Luftdichtheit, Lüftung mit effizienter Wärmerückgewinnung, Einsatz sehr guter Fenster – sogenannter Warmfenster - und eine effiziente Wärmeerzeugung. Im Falle des Modernisierungsprojekts Schaufelderstr. 9 sah das Energiekonzept vor, den Heizwärmebedarf stark zu reduzieren, hoch effiziente Wärmepumpen einzusetzen und mit Hilfe einer Photovoltaikanlage in der Jahresbilanz den Endenergieausgleich zur Wärmeerzeugung zu schaffen.
Die Ausgangssituation bei den Sanierungsmaßnahmen: 5 Geschosse mit 21 Wohneinheiten und einem Laden, einer Wohnfläche von 1709 m², veralteten Heizungen und Warmwasser-Versorgung, bestehend aus einem dezentralen Mix von Kohle/Öl/Gas/Elektro und einem Heizwärme-Verbrauch von 230 kWh/m²a.
Nach der Kernsanierung entstanden in 6 Geschossen 32 Wohn- und 2 Büroeinheiten mit einer Wohnfläche von insgesamt 2050 m². Dabei wurde zur energetischen Optimierung die Außenfläche des Gebäudes durch Schließen des bisherigen Innenhofes mit einem sechsgeschossigen Atrium verringert. Insgesamt entstand so ein flexibler Mix aus großen und kleinen Wohnungen, die zudem mit Hilfe eines beim Umbau integrierten Fahrstuhls barrierefrei sind, acht von ihnen sogar rollstuhlgerecht.
Guter Wärmeschutz, hochwertige Fenster und Wärmerückgewinnung erlauben es, die eingesetzte Energie nicht nur "ein wenig", sondern umfassend effizienter zu nutzen. Eine exzellente Wärmedämmung, bestehend aus einer 22 cm dicken Fassadendämmung und einer 36 cm starken Dachdämmung, gedämmten Fensterrahmen und dreifachverglasten Wärmeschutzfenstern sowie eine vollständig erneuerte Haustechnik mit einer zentralen Heizungsanlage und 35 Lüftungsanlagen mit passiver Wärmerückgewinnung sorgen dafür, dass zukünftig nur noch etwa ein Zehntel der Energie für Heizung und Warmwasser auf die Bewohner zukommen wird.
Zur Reduktion der Planungs- und Installationskosten wird die Lüftungsaufgabe dezentral, jede Wohnungseinheit erhielt ein separates Lüftungsgerät, dabei aber mit hoch effizienter Wärmerückgewinnung aus der Abluft ausgeführt. Für den Heizungs- und Warmwasserbedarf sorgen zwei Wärmepumpen, die ihre Energie aus einer gemeinsamen Brunnenwasseranlage im Innenhof beziehen.
Ambitionierte umfassende Altbaumodernisierung findet leider in größerem Maße bisher im Wesentlichen nur im Bereich selbst genutzter Einfamilienhäuser statt, da der Gebäudeeigentümer die Kosten für die Investitionen zu tragen hat und diese nur teilweise umlegen kann. Da wundert es nicht, dass diese Chance durchaus erkannt wurde und noch vor Abschluss der Modernisierungsmaßnahmen bereits die meisten Wohnungen vermietet waren. „Wir haben hier eine ganz bunte Mischung, zu der auch Studenten und ein Harz IV-Empfänger gehören“, so der Hausverwalter Jürgen Maquard. Inzwischen sind alle Wohnungen vermietet und das Erdgeschoss teilen sich zwei Praxen und ein Blindenverein.
Die Attraktivität einer hochwertigen Modernisierung steigt zudem beim Einsatz hocheffizienter Komponenten, wie in diesem Falle u.a. mit dem Einsatz kontrollierter Wohnungslüftung, da sich die Lebensqualität für die Bewohner spürbar erhöht. „Im Winter ist es gleichmäßig warm, im Sommer kühl, nirgendwo herrscht Zugluft und wir haben eine hervorragende Luftqualität“, weiß Planer Dr. Wolfgang von Werder zu berichten.
Das Bauprojekt Schaufelderstraße 9 ist ein rundum beeindruckendes Beispiel, was heute technisch bereits für das Modernisieren für die Zukunft machbar ist. „Ich freue mich, dass wir hier einen so hohen energetischen Standard bei einer Altbaumodernisierung umgesetzt haben, dass die Mieter auf Jahre hinaus in den Vorzug des neusten energetischen Standes und eines besonders hohen Wohnkomforts kommen“, so Dr. Stiebel u.a. zu den Beweggründen als Investor.
Mit dem Passivhaus-Standard, insbesondere durch den verstärkten Einsatz der hocheffizienten Komponenten bei der Modernisierung von Altbauten, ist ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz erreichbar. Auch wenn von der Politik noch vieles in Richtung geeigneter und stabiler Rahmenbedingungen für diesen Bereich getan werden muss, bleibt dennoch zu hoffen, dass dieses Sanierungsbeispiel weitere Investoren schnellstens zur Nachahmung anregt.