Die Energiewende erreicht zunehmend auch den Gebäudesektor – allerdings mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während Einfamilienhäuser bereits häufig mit Photovoltaik, Batteriespeichern und Wärmepumpen ausgestattet sind, hinken Mehrfamilienhäuser deutlich hinterher.
Bild: EM-Power / Solar Promotion GmbH Dabei wäre der Nutzen enorm, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt: Über drei Millionen Mehrfamilienhäuser gibt es in Deutschland, und etwa 60 Prozent davon wären für eine PV-Anlage geeignet. Tatsächlich ausgestattet sind jedoch weniger als vier Prozent. „Das Potenzial ist gigantisch“, betont Axel Hoffmann, Marktmanager bei Hager, „und wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, müssen wir den Mehrfamilienhausmarkt viel stärker adressieren.“
Warum Mehrfamilienhäuser hinterherhinken
Doch warum ist der Fortschritt dort so gering? Die Herausforderung liegt vor allem in der Komplexität. Während im Einfamilienhaus ein Eigentümer direkt von günstigem Solarstrom profitiert, stellt sich im Mehrfamilienhaus die Frage: Wer bekommt wie viel vom erzeugten Strom? Und wie wird das gerecht abgerechnet? Die Antwort liegt in Mieterstrommodellen, die es zwar schon seit mehr als zehn Jahren gibt, die aber als teuer und schwer umsetzbar galten. Das ändert sich gerade. „Seit zwei, drei Jahren wächst das Interesse an Mieterstrommodellen stark und immer mehr Projekte werden umgesetzt“, sagt der Hager-Spezialist.
Wie moderne Messtechnik Mieterstrom erst möglich macht
Damit das funktioniert, braucht es eine moderne, digitalisierte Energieinfrastruktur. Die entscheidende Frage ist dabei, wie die Stromflüsse gemessen und abgerechnet werden. Zwei technische Ansätze kommen dafür zum Einsatz: die physische Summenmessung und intelligente Messsysteme. Bei der Summenmessung werden Verbrauch und Einspeisung des ganzen Gebäudes über eine Wandleranlage erfasst, während die Wohnungszähler über einen Dienstleister fernausgelesen und abgerechnet werden können.
Deutlich zukunftsfähiger sind jedoch intelligente Messsysteme, die alle relevanten Stromflüsse erfassen und sicher an den Netzbetreiber übermitteln. „Das intelligente Messsystem ist für uns ein sehr wichtiger Schlüssel zur Digitalisierung des Energiesystems“, erklärt Hoffmann. Besonders kosteneffizient wird es mit dem sogenannten n+1 Prinzip: Nicht jede Mietpartei bekommt ein eigenes Smart-Meter-Gateway. Sondern ein zentrales Gateway bündelt die Daten mehrerer Wohnungszähler und übermittelt die Daten an den Netzbetreiber.
Neue Verbraucher, neue Lösungen: Ladeinfrastruktur & Wärmepumpen
Parallel steigen die Anforderungen durch neue Verbraucher wie Ladepunkte für Elektroautos. Denn in vielen Gebäuden mit Tiefgaragen wächst der Bedarf rasant. Doch auch hier bietet die Digitalisierung Lösungen. Mit intelligenten Ladestrategien lassen sich Lastspitzen vermeiden. „Im Durchschnitt fährt ein Mensch nur rund 30 Kilometer pro Tag“, so der Hager-Spezialist. „Das bedeutet, dass wir sehr flexibel laden können. Wenn ein Auto weiß, wie weit es am nächsten Tag fahren muss, kann es seine Ladung optimal über die Nacht verteilen.“ Energiemanagementsysteme spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie können nicht nur Wallboxen oder Wärmepumpen steuern, sondern perspektivisch auch Haushaltsgeräte. Ziel ist es, Strom dann zu nutzen, wenn er günstig und erneuerbar verfügbar ist.
Regulatorisch ist der Markt im Wandel. §14a des Energiewirtschaftsgesetzes verpflichtet dazu, bestimmte Verbrauchseinrichtungen netzdienlich steuerbar zu machen. Das gilt für Ein- und Mehrfamilienhäuser gleichermaßen. „Regulatorisch gibt es keinen Unterschied mehr“, erläutert der Experte. „Der Netzbetreiber muss eingreifen können, wenn ein Netzstrang überlastet ist. Dafür gibt es dann reduzierte Netzentgelte.“ Dennoch seien viele Vorgaben historisch auf Einfamilienhäuser zugeschnitten, ebenso wie die Funktionen vieler Energiemanagementsysteme – Mehrfamilienhäuser bräuchten künftig erweiterte, passgenaue Funktionen.
Blick in die Zukunft: Speicher im Keller und auf Rädern
Ein weiterer Baustein der Energiewende ist der Batteriespeicher. In Mehrfamilienhäusern werden diese zentral, meist im Keller, installiert, oft modular erweiterbar und mit der PV-Anlage gekoppelt. „Wir integrieren heute problemlos Speicher mit über 100 Kilowattstunden“, berichtet Hoffmann. Für die Mieter bedeutet das: mehr Eigenverbrauch, weniger Netzbezug und stabile Strompreise.
Und der Blick in die Zukunft zeigt: Noch größere Veränderungen stehen bevor. Besonders das bidirektionale Laden – also die Nutzung des Elektroautos als Stromspeicher – hat großes Potenzial. Ein einziges Fahrzeug kann heute 80 bis 90 Kilowattstunden speichern und damit nicht nur ein Haus versorgen, sondern perspektivisch auch das Netz stabilisieren. Auch eine marktdienliche Nutzung, also Strom aus dem Auto ins Netz zu speisen, wenn er teuer ist, kann eine attraktive Möglichkeit sein. „Geben wir der Elektromobilität noch ein paar Jahre“, sagt der Experte. „Dann werden die Vorteile so überwiegen, dass wir uns kaum noch an die heutigen Diskussionen erinnern werden.“
Wo die Branche Antworten findet: EM-Power Europe 2026
Welche technischen Voraussetzungen sind erforderlich, um Mieterstromprojekte erfolgreich umzusetzen? Wie lässt sich selbst erzeugter Solarstrom optimal nutzen oder vermarkten? Und wie können Batteriespeicher, Wärmepumpen und Elektromobilität in ein integriertes Gesamtkonzept eingebunden werden? Antworten darauf gibt die EM-Power Europe vom 23.–25. Juni 2026 – erstmals mit der neuen Messelaufzeit von Dienstag bis Donnerstag – auf der Messe München. Unter dem Motto “Empowering Grids and Prosumers” bietet die internationale Fachmesse für Energiemanagement und vernetzte Energielösungen Produkte und Know-how, damit PV-Anlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Wallboxen mit dem Stromnetz und den Strommärken interagieren können. Dazu gehören unter anderem Energie- und Flexibilitätsmanagement, Lastmanagement für Gebäude, Gewerbe und Quartiere, Advanced Metering Infrastructure, Energy-as-a-Service und weitere Energiedienstleistungen.
Mehr Informationen:
www.EM-Power.eu