Die Bündelung der Kräfte in Genossenschaften bieten Handwerkern die Chance, ihre Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen, neue Marktchancen zu nutzen, große Projekte zu bewältigen und Reibungsverluste zu vermeiden. Der HaustechnikDialog berichtete bereits in den Artikeln
„Modernisiert, vereinfacht, zukunftsorientiert“ und
„Attraktive Perspektiven für das Handwerk“ von Dr. Andreas Eisen vom Genossenschaftsverband über die Chancen die das neue Genossenschaftsgesetz für Handwerkerkooperationen bietet. In diesem Artiekl beschreibt er Lösungen für vielfältigste Probleme im Handwerk durch die Kooperationen.
Der selbständige Handwerksmeister mit einigen Gesellen und ein bis zwei Lehrlingen prägt auch heute noch das Bild vom Handwerk in der Öffentlichkeit. Auch wenn es durchaus in einigen Branchen Handwerksbetriebe mit 100 und mehr Mitarbeitern gibt, sind größere Betriebe tatsächlich eher die Ausnahme. Die Strukturdaten des Handwerks bestätigen in den meisten Bereichen die Dominanz eher kleiner Handwerksbetriebe. Bundesweit beschäftigen mehr als ein Drittel aller Betriebe weniger als vier Mitarbeiter und über drei Viertel der Unternehmen haben weniger als 20 Beschäftigte.
Das Bild vom selbständigen Handwerker trübt sich, wenn man Selbständigkeit nicht formal, sondern im eigentlichen Wortsinn als unabhängig und eigenständig versteht. Zunehmend mehr Handwerksbetriebe arbeiten in Abhängigkeit von großen Handels- oder Industrieunternehmen. Von der Unabhängigkeit eines selbständigen Handwerksmeisters ist bei Subunternehmern, Franchisenehmern oder Vertragswerkstätten in vielen Fällen nicht mehr viel zu erkennen. Viele Betriebe haben durch diese Abhängigkeit von wenigen Lieferanten oder Auftraggebern wenig oder nur noch mittelbar Kontakt zum eigentlichen Markt für ihre Produkte und Dienstleistungen. Somit sind sie immer weniger in der Lage, sich am Markt zu behaupten, geschweige denn sich den sich rasant verändernden Marktbedingungen anzupassen.
Aber auch für diejenigen Betriebe, die noch relativ unabhängig von großen Unternehmen agieren können, wird die Luft durch den erhöhten Wettbewerbsdruck und die geringen Gewinnmargen dünner. Der enorme Strukturwandel im Handwerk fordert die Betriebe in erheblichem Maße. Traditionelle Märkte für das klassische Handwerk brechen weg, die alten Marktgrenzen verwischen oder verschwinden völlig. Die Herausforderungen durch die Globalisierung der Wirtschaft werden für die Betriebe auf einmal sehr deutlich, wenn Konkurrenz aus dem benachbarten Ausland für langjährige Kunden arbeitet, wenn beispielsweise Druckereien merken, dass sie zunehmend Subunternehmer für Medien-Agenturen sind, der Handwerker merkt, dass seine Leistungen immer weniger gefragt sind, da andere sein Leistungsspektrum gleich mit erledigen.
Hat das traditionelle Handwerk vor diesem Hintergrund noch Zukunft? Vom sprichwörtlichen goldenen Boden ganz zu schweigen? Sicher scheint eines: Handwerker, die sich in Zukunft nicht den Boden unter den Füßen wegziehen lassen wollen, müssen den Anforderungen nach Flexibilität, Aufgeschlossenheit gegenüber Innovationen und dem Suchen von erfolgversprechenden Nischen gewachsen sein.
Handwerk zwischen Tradition und Innovation Die Nachfrage nach komplexen handwerklichen Dienstleistungen tritt zunehmend gleichberechtigt neben das traditionelle handwerkliche Produkt. Kann und soll der Schuster also nicht mehr bei seinen sprichwörtlichen Leisten bleiben? Muss sich ein Handwerksbetrieb, wenn er zukunftsfähig sein will, zu einem allumfassenden handwerklichen Dienstleistungsunternehmen entwickeln? Aus einer Marktperspektive liegt eine solche Schlussfolgerung nahe, da auf Dauer nur überlebensfähig ist, wer sich den Herausforderungen des Marktes stellt und innovative Wege geht.
Das Handwerk, das nur auf Tradition pocht ist in Zukunft nicht überlebensfähig. Es genügt heute nicht mehr, dass ein Handwerksmeister sprichwörtlich sein Handwerk versteht und hervorragende Qualität bietet, er muss gleichzeitig fundierter Betriebswirt, kreativer Marketingfachmann, gewiefter Einkäufer, ein geschickter Stratege und noch vieles mehr sein. Außerdem wird von seinem Betrieb gefordert, in neue Produkte und die Entwicklung neuer Märkte zu investieren und sich strategisch und flexibel auf immer neue Herausforderungen einzustellen.
Stellt man diesen Anforderungen die tatsächlichen Entwicklungsmöglichkeiten von vielen Handwerksbetrieben gegenüber, so wird schnell deutlich, dass viele selbstständige Handwerksmeister diesen nicht immer gewachsen sein werden. Ebenso wenig kann ein Handwerksbetrieb ohne Weiteres zu einem universellen handwerklichen Dienstleistungsunternehmen und Komplettanbieter entwickeln. Zudem stößt der kleine oder mittlere Handwerksbetrieb sehr schnell auf Kapazitätsgrenzen in Bereichen wie Werbung, Marketing und Vertrieb. Der Versuch, diesen Herausforderungen gerecht zu werden, überfordert viele Handwerksbetriebe nicht nur, sondern geht im schlimmsten Falle sogar zu Lasten einer Grundvoraussetzung der Zukunftsfähigkeit - der traditionellen handwerklichen Qualität. Steckt das Handwerk somit in einem unausweichlichen Dilemma zwischen Tradition und Innovation?
Nein. Zukunftsfähigkeit bedeutet für Handwerksunternehmen vor allem, Tradition und Innovation intelligent zu verknüpfen. Nicht pochen auf Tradition, sondern durch Konzentration auf handwerkliche Kernkompetenzen die Tradition bewahren und durch innovative Kooperationsformen mit anderen die Zukunft im Wettbewerb gemeinsam gestalten ist eine erfolgversprechende Strategie. Bereitschaft zur Kooperation ist insofern gleichzeitig Chance und Notwendigkeit für moderne Handwerksbetriebe.
Gemeinsam selbständig bleiben durch Genossenschaften Die eingetragene Genossenschaft bietet Handwerkskooperationen geradezu ein ideales Rechtskleid. Stabilität und Flexibilität sind wichtige Eigenschaften, welche die Genossenschaft auszeichnen. Die Genossenschaft bietet, nicht zuletzt wegen der regelmäßigen Prüfung durch den Genossenschaftsverband, einen stabilen rechtlichen und organisatorischen Rahmen für eine auf Dauer angelegte Kooperation. Nicht nur Unternehmen die kooperieren sind im Durchschnitt stabiler, wie eine aktuelle Studie der Universität Münster belegt, auch die eingetragene Genossenschaft (eG) ist mit Abstand die am wenigsten von Insolvenzen betroffene Rechtsform. Gleichzeitig ist die eG eine flexible und unkomplizierte Gesellschaftsform, die es ermöglicht neue Mitglieder ohne großen Veraltungsaufwand und Kosten für Notar oder Rechtsanwalt aufzunehmen.
Wie keine andere Unternehmens- und Rechtsform steht die Genossenschaft für unternehmerische Mitbestimmung und Selbstverantwortung. Gerade für das Handwerk ist die Genossenschaft deshalb als Form der Zusammenarbeit ein Erfolg versprechendes Modell. Das Prinzip einer gleichberechtigten Kooperation, gleiches Stimmrecht für alle Mitglieder in der Generalversammlung und das Förderprinzip, die konsequente Ausrichtung der Genossenschaft auf die Interessen der Mitglieder, trifft genau die Bedürfnisse der Handwerker: Gemeinsam wettbewerbsfähiger werden und im eigentlichen Wortsinne selbständig zu bleiben.
Genossenschaften: Tradition und Innovation Handwerker können auf vielfältige Weise miteinander kooperieren und sich in ganz unterschiedlichen Genossenschaften zu schlagkräftigen Verbünden zusammenschließen. Sei es in regionalen oder überregionalen Genossenschaften gleicher Gewerke, die gemeinsam einkaufen, sich zu einem Notdienst zusammenschließen oder im Rahmen von Werbe- und Marketinggemeinschaften die besondere Qualität ihres handwerklichen Produkts hervorheben.
Genossenschaften haben im Handwerk eine lange und erfolgreiche Tradition. Nicht zuletzt - sondern zuerst – waren die Genossenschaftsgründungen von Hermann Schulze-Delitzsch „Rohstoff-Assoziationen“ von Schuhmachern und Tischlern und die Vorschussvereine als Keimzelle der Volksbanken waren Selbsthilfeeinrichtungen von Handwerkern. Die Einkaufsgenossenschaften und Selbsthilfeeinrichtungen der genossenschaftlichen Gründerzeit haben sich nicht selten zu bundesweit agierenden Unternehmen oder Unternehmensverbünden mit einem umfassenden Produkt- und Dienstleistungsangebot für ihre Mitglieder entwickelt. So schenken der SHG Sanitär- Heizungs-Großhandel eG, die vor nahezu 60 Jahren als Einkaufs- und Liefergenossenschaft gegründet wurde, mehrere Hundert Mitglieder in Berlin und Umgebung ihr Vertrauen und nutzen die Vorteile des Einkaufsverbundes. Die genossenschaftliche Unternehmensform ist für solche in Verbundgruppen zusammengeschlossenen Dachdeckern, Schonsteinfegern oder Bäckern auch heute noch Garant dafür, dass nicht am, sondern mit und für den Handwerksbetrieb wirtschaftliche Vorteile erzielt werden.
Der Grundgedanke, durch Zusammenschluss langfristig geschützt und erfolgreich zu sein, ist heute so wichtig und vital wie damals. Dies zeigen vor allem auch die zunehmenden Neugründung von Genossenschaften. Beispielsweise hat sich 2005 die Roter Hahn eG als Marketinggemeinschaft der Kachelofenbauer gegründet. Unter dem Dach des Roten Hahn haben sich bundesweit über 200 Ofenbau-Handwerksmeister zusammengeschlossen. Die Mitglieder dieser Genossenschaft haben sich den Werten des traditionellen, handwerklichen Ofenbaus - und damit v.a. hohen Qualitätsstandards - verschrieben, um damit den Massenerzeugnissen, die den Ofen- und Kaminmarkt derzeit überschwemmen, individuelle und speziell auf die Kundenwünsche maßgeschneiderte - oder besser maßgesetzte - Ofenbau- und Handwerkskunst entgegenzusetzen. Eine gelungene Verbindung von Tradition und Innovation.
Zunehmend schließen sich Handwerker zu Kooperationen unterschiedlicher Gewerke zusammen. Dies bietet den einzelnen Betrieben die Chance, als Komplettanbieter aufzutreten und somit dem Wunsch des Kunden nach Leistungen aus einer Hand zu entsprechen. Gewerkeübergreifend werden nicht nur unterschiedliche Kernkompetenzen gebündelt, sondern auch vorhandene Schwachstellen wechselseitig ausgeglichen. Dies bildet die Grundlage für einen erfolgreichen Auftritt beim Kunden, die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und die Erschließung neuer Märkte. Die Konzentration auf das eigene Handwerk, die Erhaltung der Selbständigkeit und ein gemeinsames Auftreten am Markt sind eine Erfolg versprechende Strategie moderner Handwerksbetriebe. Zukunftsweisend sind Genossenschaften wie etwa die Altonaer Handwerkerring eG. Diese Genossenschaft selbständiger Handwerksunternehmen bündelt die Kompetenzen unterschiedlicher Gewerke, die ihren Kunden somit durch enge Zusammenarbeit einen umfassenden Service von der ersten Beratung bis zur Planung und Durchführung des Bauvorhabens bieten.
Voraussetzung für den Erfolg solcher genossenschaftlicher Kooperationen ist die Kooperationsbereitschaft und die Kooperationsfähigkeit der Handwerker. Der Prozess der Vorbereitung der Kooperation und der Gründung der Genossenschaft sollte deshalb möglichst durch ein professionelles Coaching etwa durch die Handwerkskammer oder den Genossenschaftsverband begleitet werden. Kooperation wagen bedeutet nicht selten, dass traditionelle Denk- und Handlungsweisen überwunden und manch lieb gewonnene Gewohnheit bei der gemeinsamen Entwicklung von organisatorische Routinen der Zusammenarbeit und dem Aufbau entsprechender personeller Ressourcen aufgegeben werden muss. Wechselseitiges Vertrauen in die Verlässlichkeit und die Leistungsfähigkeit des jeweils anderen - heute spricht man gerne von Sozialkapital - sind entscheidende Voraussetzungen für nachhaltigen Erfolg solcher Genossenschaften.
Innovationsfähigkeit und Flexibilität sind seit jeher eine Stärke des Handwerks. Stabilität, Schaffung von Sozialkapital und Selbstbestimmung sind traditionellen Stärken des Genossenschaftswesens. Durch die Bündelung der Kräfte in einem schlagkräftigen genossenschaftlichen Verbund können Handwerksbetriebe viele Nachteile im Wettbewerb ausgleichen und unter Wahrung der eigenen Selbständigkeit innovative Strategien der Zukunftsgestaltung entwickeln.