Die Rohölpreissteigerungen dieses Jahres haben wieder einmal die Propheten auf den Plan gerufen, die durch diese deutlichen Preiserhöhungen den Anfang vom Ende des Ölzeitalters eingeläutet sehen wollten. Dieses "Endzeitszenario" spricht auch aus einer Studie zum Thema "Fossile Energiereserven (nur Erdöl und Erdgas) und mögliche Versorgungsengpässe aus europäischer Perspektive", die die LB-Systemtechnik GmbH, Ottobrunn, im Auftrag des Deutschen Bundestages erstellt hat. Dieser Pessimismus in Bezug auf die künftige Ölversorgung ist allerdings unbegründet.
Der Verfasser geht in dieser Studie davon aus, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre das Produktionsmaximum bei konventionellem Erdöl erreicht und die Förderung danach zurückgehen wird. Diese Entwicklung, hängt jedoch nicht zuletzt von zwei Faktoren ab:
1.) In der LB-Studie wird unterstellt, dass sich die Ausbeuterate konventioneller Ölvorkommen von derzeit knapp 40% nicht steigern lässt. Diese Annahme ist umstritten, denn durch fortschrittliche und neue Fördermethoden kann die Ausbeuterate durchaus erhöht werden. Die maximale Förderung aus konventionellen Ölvorkommen kann daher auch zu einem späteren Zeitpunkt eintreten.
2.) Es werden, anders als in der Vergangenheit, keine großen Netzfunde an konventionellen Ölvorkommen mehr entdeckt.
Des Weiteren wird zudem unterstellt, dass die Förderung aus nicht-konventionellen Ölvorkommen - Schweröle, Ölsande, Ölschiefer, deren Potenzial größer ist als das der konventionellen Reserven - nicht in der Lage sein wird, den Förderrückgang aus konventionellen Ölvorkommen auszugleichen. Als Begründung wird angeführt, dass der Aufbau von Produktionskapazitäten bei nicht-konventionellen Ölen und die Ausweitung der Produktion aus diesen Vorkommen nicht in demselben Tempo erfolgen können wie bei der konventionellen Ölförderung. Daher bestimmt, so die Studie, das Maximum der konventionellen Ölförderung den Zeitpunkt der maximalen Verfügbarkeit von Öl.
Das ist eine These, die beispielsweise von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) nicht geteilt wird. Die Bundesanstalt geht davon aus, dass durch nicht-konventionelle Öle der Zeitpunkt des Fördermaximums um 20 bis 30 Jahre verschoben werden kann.
Insgesamt lässt das technische Potenzial der Ölvorkommen kein baldiges Ende der Ölförderung erwarten. Die technisch gewinnbaren Potenziale konventioneller und nicht-konventioneller Öle belaufen sich nach Ermittlungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstare auf 934 Mrd. Tonnen. Damit könnte die heutige Weltölförderung rein rechnerisch 266 Jahre gedeckt werden. Dass im 21. Jahrhundert die nicht-konventionellen Öle einen wachsenden Beitrag zur Weltölversorgung leisten werden, daran kann kein Zweifel bestehen.
Nur am Rande behandelt werden in der Studie der LB-Systemtechnik GmbH die Lasten der Ölförderung. Dabei liegen die durchschnittlichen Förderkosten weltweit derzeit nur bei rd. 8 $/b und die Grenzkosten der Ölförderung bei 15 bis 20 $/b.
Durch Fortschritte in der Gewinnungstechnik sind die Förderkosten in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. So können beispielsweise Ölsande heute zu Kosten von weniger als 10 $/b gewonnen werden.
Vor diesem Hintergrund kommen Expertenschätzungen über die mittelfristige Entwicklung des Rohölpreises zu dem Ergebnis, dass sie auch noch in 20 Jahren in einer Bandbreite von 20 bis 30 $/b liegen dürften. Dies entspricht bei heutigem Dollarkurs Rohölpreisen zwischen 30 und 45 Pfennig pro Liter. Mineralöl bleibt deshalb im Energieträgerspektrum ein preislich wettbewerbsfähiger Energieträger.