Als „Anhydrit“ bezeichnet man das wasserfreie Calziumsulfat, chemisch gesehen CaSO4. Daneben gibt es Modifikationen des Calcium-Sulfates, Gips und Brandgips. In Anhydriten unterscheidet man
• Naturanhydrit
• Chemieanhydrit
• REA-Anhydrit.
Der Abbindemechanismus aller Anhydritbinder läuft nach folgender chemischer Reaktion ab:
CaSO4 + H2O = CaSO4 / 2H2O, chemisch gebunden
Calcium-Sulfat + Wasser = Calcium-Sulfat-Dihydrat Anhydrit
Diese chemische Reaktion erscheint auf den ersten Blick sehr einfach. Es gibt aber Besonderheiten, deren Kenntnis letztendlich über Erfolg oder Misserfolg beim Verarbeiten von Anhydritbindern entscheidet.
Bei der Reaktion wird nicht der gesamte Anhydrit zu Gips umgewandelt. Wieweit die Hydratation geführt wird, hängt von folgenden Einflüssen ab:
• Grad der Feinheit des Anhydritbindemittels
• Art der eingesetzten Anreger
• Dem Wasserbindemittelfaktor.
Wegen der höheren Festigkeit der nicht umgewandelten Anhydritkörner erreicht der Anhydritestrich eine höhere Festigkeit als Gips. Sie verfügen darüber hinaus über eine ausgezeichnete Volumenstabilität und eignen sich somit für großflächige fugenlose Estriche.
Da im verarbeiteten Anhydritestrich immer noch gewisse Anteile nicht mit Wasser reagierten Anhydrits vorhanden sind, darf der Estrich später nicht mit Wasser oder Feuchtigkeit in Berührung kommen. Geschieht dies trotzdem, so kommt es zu weiteren Reaktionen mit Volumenvergrößerungen. Anhydritestriche dürfen deshalb nur für trockene Beanspruchung eingesetzt werden.
Die Eigenschaften des Anhydritbauteils sind sehr stark vom Hydratationsgrad abhängig, der im wesentlichen von dem verwendeten Wasserbindemittelfaktor beeinflusst wird. Bei der Verarbeitung sind deshalb die Vorschriften der Hersteller exakt einzuhalten. Willkürliche Änderungen der Rezeptur oder chemische Zusätze führen meist zu unkalkulierbaren Prozessen, die nicht selten zu Schäden führen können. Für die Baustelle ist es wichtig, dass der vorgegebene Wasserbindemittelfaktor exakt eingehalten wird. Über die Qualität des Estrichs wird bereits bei der Mörtelaufbereitung entschieden. Anhydritbinder sind Spezialbindemittel, die in die Hände von gut ausgebildeten Fachleuten gehören.
Während der Einbringung darf die Temperatur + 5 °C nicht unterschreiten. Sie soll anschließend wenigstens zwei Tage auf mindestens + 5 °C gehalten werden. Ferner ist der Estrich wenigstens zwei Tage vor schädlichen Einwirkungen, wie Wärme, Schlagregen und Zugluft zu schützen. Dies ist im allgemeinen ohne besondere Maßnahmen sichergestellt, wenn das Bauwerk geschlossen ist.
Bereiche im Estrich, in denen durch Dampfdiffusion mit Feuchtigkeit zu rechnen ist, müssen eine Dampfsperre enthalten. Eine solche Maßnahme ist vom Planverfasser bei der Bauwerksplanung festzulegen. Anhydrit estrich sollte nicht vor Ablauf von zwei Tagen begangen und nicht vor Ablauf von fünf Tagen höher belastet werden.
Bei Anhydritestrichen gibt es immer wieder Aussagen der ausführenden Firmen, weder Bewegungsfugen noch Kellenschnitte seien erforderlich. Dies trifft für unbeheizte Konstruktionen zweifelsfrei zu. Die Begründung liegt darin, dass Anhydritestrich beim Abbinden und Erhärten gegenüber Zementestrichen nur ganz geringfügig schwindet.
Bei Aufheizung dehnt er sich, seinem Ausdehnungskoeffizienten entsprechend, ebenfalls aus wie jeder andere Estrich.
Deshalb sind auch bei dieser Estrichart die entsprechenden Bewegungsfugen, wie sie in den Merkblättern der jeweiligen Fachverbände, bzw. der DIN 18560 Teil 2 und der Fußbodenheizungsnorm DIN EN 1264 Teil 4 gefordert werden, erforderlich.